März 2018

Zukunftsträchtige Begegnung

Der künftige Chefdirigent Thomas Zehetmair als Gast beim Stuttgarter Kammerorchester

Als Geiger, Dirigent und Kammermusiker genießt der 1961 in Salzburg geborene Thomas Zehetmair weltweit großes Ansehen. Nun kommt er wieder zu einem Gastspiel mit dem Stuttgarter Kammerorchester in die Landeshauptstadt. Zusammen mit seiner Partnerin Ruth Killius interpretiert er Mozarts »Sinfonia  Concertante« in Es-Dur und dirigiert dazu Werke von Schubert und Beethoven. Für die Konzertbesucher im Theaterhaus bietet sich auch die Gelegenheit,  Thomas Zehetmair als zukünftigen Chefdirigenten des Stuttgarter Kammerorchesters (ab 2019) kennenzulernen. Wie bei seinen letzten Auftritten in der  Liederhalle mit seinem Musikkollegium Winterthur und dem SWR Symphonieorchester unter Philippe Herreweghe im Januar und Juni vergangenen Jahres  leibt das Programm im klassisch-romantischen Rahmen. 
Wie eng Thomas Zehetmair mit dem Werk Wolfgang Amadeus Mozarts vertraut ist, zeigt nicht nur die Gesamtaufnahme aller fünf Violinkonzerte mit Frans Brüggen und dem Orchestra of the Eighteenth Century von 2009, die auch die »Sinfonia concertante « einschließt. Die Bratschistin Ruth Killius – auch beim Konzert im Theaterhaus seine Duo-Partnerin – sagt über ihre gemeinsame Arbeit an diesem Stück: »Mit  Frans Brüggen war es eine unserer schönsten Erfahrungen, und wir sind sehr glücklich und dankbar für seinen Einfluss. Dennoch, wir stehen nicht still. Das ist  gerade das Tolle an solchen Meisterwerken, dass man ständig neue Lösungen findet. Aus meiner langjährigen Zusammenarbeit mit Thomas weiß ich, dass  man immer auf kreative Überraschungen gefasst sein darf.« 
In der Mitte zwischen Sinfonie und Solokonzert bietet Mozarts Salzburger Komposition von  1779 reiche Gelegenheit zu schöpferischer Interpretation, die vielen Kostbarkeiten der drei Sätze im Dialog der Soloinstrumente mit dem Orchester und der  Streicher, Oboen und Hörner untereinander sind von delikater Klangfülle. Das majestätische Es-Dur des Kopfsatzes, die tiefgründige Melancholie des Andante in c-Moll, die wiedergewonnene Lebensfreude des Rondo-Finales versprechen in der Wiedergabe durch Zehetmair/ Killius und das Stuttgarter  Kammerorchester einen exquisiten Hörgenuss. Auf die Erkenntnisse der historischen Aufführungspraxis angesprochen und die Frage, wie Mozart heute klingen sollte, meint die Bratschistin Ruth Killius: »Wir wollen keine Pädagogen auf der Bühne sein, wir machen lebendige Musik. Pioniere wie Frans Brüggen und Nikolaus Harnoncourt haben immer postuliert, auf der Bühne müssen wir alles vergessen, was wir an Weisheit angesammelt haben. Eine Anweisung aus Mozarts Partitur, die heute oft übergangen wird, ist uns jedoch ein Anliegen: Mozart verlangt bei der Solobratsche Skordatur, das Instrument wird einen Halbton höher als normalerweise gestimmt, was klanglich sehr von Vorteil im Zusammenspiel mit der Solovioline und dem Orchester ist.«
Zehetmair und Killius haben 1994 das Zehetmair Quartett gegründet, neben Schumann und Bartók gehört selbstverständlich auch Beethoven zu seinem bevorzugten  Repertoire. Im Theaterhaus dirigiert Thomas Zehetmair neben der frühen Ouvertüre c-Moll des 14-jährigen Konviktzöglings Franz Schubert auch die Streichorchesterfassung von Ludwig van Beethovens spätem Streichquartett cis-Moll op. 131. Wegen seiner siebensätzigen, pausenlos ineinander übergehenden, quasi sinfonischen Anlage schafft dieses Werk interessante Möglichkeiten für eine solche noch klangextensivere Version.

Dietholf Zerweck 

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