Juli 2020

Wie geht es der Kultur?

Wir setzen die Umfrage zur aktuellen Situation unter unseren Kulturpartnern fort

Allmählich können Kulturveranstaltungen und Kulturreisen wieder stattfinden, wenn auch aufgrund der gebotenen Vorsichtsmaßnahmen mit starken Einschränkungen, die keineswegs nur das Publikum, sondern die gesamte künstlerische Arbeit betreffen. Was die Verantwortlichen derzeit beschäftigt, berichten sie hier.

 

Vor einigen Tagen haben wir unsere Spielzeit 2020/2021 im Forum am Schlosspark veröffentlicht. Diesen Schritt haben wir bewusst vollzogen, auch wenn sich dies in Zeiten der Unsicherheit – niemand weiß, wie die Lage für die Theater und Konzerthäuser nach der Sommerpause aussehen wird – etwas unwirklich angefühlt hat. Seither erleben wir eine überwältigende Resonanz unseres Publikums; das Interesse nach Abonnements und Karten ist immens. Das hat nichts mit falsch verstandener Realität oder dem Negieren der Pandemie-Situation zu tun. Es ist die Notwendigkeit einer Perspektive – bei gleichzeitigem Bewusstsein, dass die Lage fragil ist. Um dem gerecht zu werden, haben wir für die neue Spielzeit eine Reservierungs-Systematik entwickelt, die je nach Entwicklung der Lage größtmögliche Flexibilität erlaubt. Wir müssen uns bewusst machen: Die darstellenden Künste sind momentan nicht „ein wenig eingeschränkt“, sie sind in ihrem Kern ausgehebelt. Den Künstlerkollektiven der Theater und Konzerthäuser, den Schauspiel- und Opernensembles, Ballettcompagnien, Chören und Orchestern sind die existenziellen Mittel des Spiels genommen. Digitale Alternativen und Behelfsformate machen gerade deutlich, dass die unmittelbare Begegnung von Publikum und Darstellern an einem Ort, die inhaltlich-konkrete Auseinandersetzung zwischen Zuschauern und Künstlern in einem Raum, nicht ersetzbar sind. Dieser Akt der darstellenden Kunst lässt sich wirkungsmächtig ausschließlich direkt und leibhaftig vollziehen. Damit kraftvoller Ausdruck entstehen kann, benötigt es für die künstlerisch Schaffenden freie Gestaltungsmöglichkeiten. Er kann sich nicht in der Enge des Normativen entfalten. Es müssen Lösungen und Konzepte gefunden werden, welche dies möglich machen. Denn es gilt diesen Erfahrungsraum der Künste offen und aktiv zu halten. Er ist elementarer Baustein bei der Bewältigung des Unbegreiflichen.

Lucas Reuter, Künstlerische Leitung des Forums am Schlosspark in Ludwigsburg

 

Endlich, es ist ein Aufatmen für Musiker, Management und unser Publikum: So langsam fängt es wieder an, nachdem wir seit März nicht spielen durften. Alles, was wir in den „stillen Monaten“ unternehmen konnten, wurde wichtig wie ein großes Konzert: Das Duo zum 106. Geburtstag eines klassikbegeisterten Fans, die Aufnahme eines Hiphop-Songs, „klassisch“ für Streichorchester arrangiert, mit 70 000 Klicks auf Youtube nur drei Tage nach Veröffentlichung, die gemeinsame Aufnahme per Videokonferenz eines Bollywood-Songs aus den Wohnzimmern heraus mit Kindern der Mehli-Mehta-Stiftung in Mumbai. Kleine Aktionen, die das Orchester in schwieriger Zeit motivierten und zahlreiche Menschen erreichten.

Mit etwas Improvisationskunst ist inzwischen mehr möglich: ein bereits ausverkauftes Konzert am 28. Juni in St. Eberhard und ein Konzert der Kulturgemeinschaft am 2. August im Beethoven-Saal der Liederhalle, beide unter Leitung von Chefdirigent Thomas Zehetmair, ein Konzert in der Frauenkirche in Dresden, Auftritte in Autokinos und kleineren Städten in Baden-Württemberg. Finanziell ist das bei maximal einhundert erlaubten Personen im Publikum ein Desaster, aber wir können nicht anders. Da muss halt die Intendanz eine kreative Lösung finden …

Bei mir persönlich ist es umgekehrt proportional zu den Musikern: Selten hatte ich mehr Arbeit. Krisenmanagement, aber vor allem strategische Planung von Konzertprogrammen, Tourneen und Sonderprojekten im Bereich Digitalisierung nehmen großen Raum ein. Und es lohnt sich: Noch nie gelang so viel. Das ist irgendwie surreal, gleichzeitig hilft es, die Saure-Gurken-Zeit mit freudigem Blick auf die Zukunft zu überstehen.

Zukunft braucht Vergangenheit: Das SKO feiert sein 75-jähriges Jubiläum und ist damit nicht nur eines der führenden Ensembles seiner Art, sondern auch das älteste. Am 18. September 1945 fand das erste Konzert unter Leitung von Karl Münchinger statt. Auch wenn die Corona-bedingten Probleme mit den Nöten nach Kriegsende nicht vergleichbar sind, kämpfen wir erneut mit widrigen Umständen, um unsere Jubiläumskonzerte spielen zu können. Davon haben wir uns allerdings weder damals noch heute abschrecken lassen. Wir freuen uns auf Sie beim Jubiläums-Abonnementkonzert am 19. September im Beethovensaal. Feiern Sie mit uns!

Markus Korselt, Intendant und künstlerischer Leiter des Stuttgarter Kammerorchesters

 

Die artKarlsruhe, „Fantastische Frauen“ in der Frankfurter Schirn, Edward Hopper in der Fondation Beyeler – als wir Ende Februar, Anfang März diese Kunst-Events besuchten, ahnten wir nicht, dass es sich dabei um die vorerst letzten unserer KunstTage handeln sollte. Bis dahin war das Corona-Virus etwas, das nur in vereinzelten Meldungen aus China auftauchte. Und dann, scheinbar plötzlich, war es da. Nicht mehr irgendwo in weiter Ferne – bei uns. Von einem Tag auf den anderen standen unsere Reisebusse still.

Ein Teil unserer Mitarbeiter ging in Kurzarbeit, die wenigen verbliebenen hatten damit zu tun, gut gebuchte KunstTage und KunstReisen, die wir gerne durchgeführt hätten, zu stornieren. Das tat und tut weh. Und ich muss gestehen, dass ich als Unternehmer anfangs große Schwierigkeiten hatte, die scheinbare Allmacht des Virus und die Folgen seiner rasanten Ausbreitung zu akzeptieren. Waren doch die kurzfristigen Folgen für das Unternehmen, für viele Mitarbeiter und für unsere kunstreisenden Gäste unübersehbar.

Mit der Zeit jedoch erkannte ich, wie umsichtig und besonnen die Verantwortlichen in unserem Land gehandelt hatten und dass die getroffenen Vorkehrungen notwendig waren, um noch größeren Schaden abzuwenden. In unserem Unternehmen setzte sich die Einsicht durch, dass es nun darauf ankäme, den „Stillstand“ produktiv zu machen und für den „Tag X“ zu planen. Inzwischen sind wir diesem „Tag X“ ein gutes Stück nähergekommen. Und das zu einem Zeitpunkt, der noch vor wenigen Wochen als durchaus unrealistisch gelten musste. Denn – und das ist die erfreuliche Nachricht – seit dem 15. Juni sind touristische Busreisen wieder zulässig.

Noch geht bei weitem nicht alles. Und vor allem geht es nicht ohne die sorgfältige Beachtung hygienischer Schutzmaßnahmen. Aber alles, was geht, wollen wir tun. Dass wir das nun auch wieder dürfen – darüber sind wir glücklich und erleichtert. Wie übrigens auch unsere Gäste, die nicht müde wurden uns mitzuteilen, wie sehr sie KunstTage und KunstReisen in dieser sonderbaren Zeit vermisst haben. Daher freue ich mich über die Gelegenheit, Ihnen mitteilen zu dürfen: Wir sind wieder für Sie da!

Harald Binder, Geschäftsführer der Binder Reisen GmbH

 

Was mich sehr beschäftigt, ist diese brutale Entwurzelung: Nichts, was künstlerisch geplant war, kann mehr geschehen, das Ensemble – fast aufgelöst und kein Publikumsverkehr mehr. Aber davon lebt die Atmosphäre eines Theaters. Die hängt jetzt irgendwo in der Requisite, sehnt sich nach Wiederbelebung und die Welt befindet sich in Ratlosigkeit, abgesehen von einigen besonders Schlauen, die meinen, durch Verleugnungstaktik Tatsachen negieren zu können. Nein, dieser Virus, der unser gesellschaftliches Leben lähmt, ist eine Tatsache, die uns auf unbestimmte Zeit begleiten und lange nachwirken wird.

Anfangs war nur Angst, Zurückhaltung, dann haben alle realisiert, wie sehr der gesamte Kunstbetrieb unter der Corona-Krise leidet. Stellen Sie sich eine Welt vor ohne Musik, Tanz, Theater, Film ... Sehr, sehr still würde es werden. Um in andere Welten einzutauchen, bräuchte man Bücher und viel Phantasie. Es herrscht Trauer über das, was nicht mehr stattfinden konnte, und Melancholie über Produktionen, die unabgeschlossen sind, aber nicht mehr wiederkehren werden. Im Alltag lassen die Lockerungen das Leben wieder „aufblühen“, aber uns allen ist eine klare wirtschaftliche Perspektive genommen. Natürlich versuchten wir trotzdem optimistisch zu denken, wir haben im Ensemble eintausend Masken für Bedürftige genäht und gehen jetzt mit Unterstützung der Evangelischen Kirchen West bis Ende Juli mit verschiedenen Programmbeiträgen auf Tour, um endlich wieder zu den Menschen zu kommen!

Wir haben über eine Öffnung für 41 Zuschauer nachgedacht und uns aufgrund der zu erwartenden Unwirtschaftlichkeit davon verabschiedet. Der Spielplan für 2020/201, der absehbar in Druck gehen sollte, ist obsolet, verschoben auf 2021/2022. Es ist nicht leicht, sich von Ideen und Themen zu verabschieden, deren Zeit man für gekommen hielt.

Was spielen wir ab Herbst? Überfluten wir die Stadt, die Welt mit Liliputstücken: Monologen, personalarmen Einaktern, Lesungen, Events, Videoclips, niemals länger als sechzig Minuten! Shakespeare für Durchreisende? Theater im Readers-Digest-Prinzip mit nicht mehr Menschen auf der Szene, als Bühnenfläche und Schnürboden (soweit vorhanden) zulassen? Im Hintergrund wissen wir nicht, ob wir übern Berg sind.

Ein alter guter Freund schrieb mir: „Vergiss das Lachen nicht!“ Als ich das las, habe ich geweint.

Susanne Heydenreich, Intendantin des Theaters der Altstadt

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