Januar 2021

Wie geht es der Kultur?

Was unsere Kulturpartner sich vom Weihnachtsmann wünschen

Weihnachten steht vor der Tür und in den Kinderzimmern werden schon fleißig Wunschzettel geschrieben. Wir haben unsere Kulturpartner in der Region gefragt: »Wenn Sie sich dieses Jahr für Ihr Haus etwas vom Weihnachtsmann wünschen dürften, was würden Sie auf Ihre Wunschliste setzen?« Hier die Antworten aus Esslingen, Fellbach, Kornwestheim und Melchingen.

 

Unser größter Wunsch ist natürlich, dass diese Pandemie bald endet oder zumindest nicht mehr unsere gesamte Arbeit bestimmt. Wir wünschen uns, wieder Premieren und Vorstellungen spielen zu können, und das langfristig. Kurzfristige Änderungen oder Umbesetzungen gehören zwar auch ohne Pandemie zum Theateralltag, zum Beispiel wenn ein Schauspieler plötzlich keine Stimme mehr hat oder eine Schauspielerin sich den Fuß verstaucht, aber die dauernde Änderung aller Pläne zur Anpassung an die jeweils neue Situation oder Infektionslage ist sehr kräftezehrend und frustrierend – und natürlich verursacht sie auch unnötige Kosten. Deswegen haben wir uns wie die Staatstheater in Stuttgart und Karlsruhe entschieden, den regulären Spielbetrieb bis einschließlich 31. Januar auszusetzen.

Ein weiterer Punkt auf der Wunschliste wären Vorstellungen mit voll besetztem Haus und dass sich auf der Bühne und bei den Proben nicht mehr alles um Hygieneregeln und Abstände drehen müsste. Wir wünschen uns Premieren, bei den wir uns vorher und anschließend in den Arm nehmen dürfen, und große Premierenfeiern mit unserem Publikum, mit Sekt im Gedränge und ohne Masken, zumindest ohne Maskenpflicht. Gleichwohl wissen wir natürlich, dass uns die Erfüllung dieser Wünsche noch für viele, viele Monate verwehrt sein wird.

Zur dringend nötigen Planungssicherheit gehört auch finanzielle Sicherheit. Von unseren Trägern, dem Land Baden-Württemberg und der Stadt Esslingen, aber auch von all den Gastspielorten, die wir unter normalen Bedingungen bereisen, wünschen wir uns, dass sie die finanziellen Engpässe, die durch zurückgehende Steuereinnahmen entstehen, nicht zum Anlass für Kürzungen ausgerechnet in ihren Kulturbudgets nehmen. Für viele TheaterfreundInnen im ländlichen Raum sind diese Gastspiele wichtige Kulturerlebnisse, auf die sie sich freuen und von denen sie lange zehren.

Und auch uns und dem Ensemble fehlen diese »Abstecher « und die »Heimspiele« in Esslingen sehr. Wie die meisten Menschen wünschen wir uns daher einen sicheren Impfstoff, der bald und in ausreichender Menge zur Verfügung steht. Damit wir wieder unbeschwert Theater machen und

miteinander erleben können.

Die Intendanten Marcus Grube und Friedrich Schirmer leiten die Württembergische Landesbühne Esslingen.

 

Es war noch nie so einfach, sich für das kommende Jahr etwas zu wünschen! Wie alle Kulturveranstalter mussten wir dieses Jahr den Großteil des geplanten Programms absagen, verschieben, verändern in Miniformate und ein digitales Angebot. Ermutigend waren das Verständnis und die Solidarität unseres Publikums, das jedes noch so kleine Angebot unter genussfeindlichen Bedingungen mit Begeisterung und Dankbarkeit aufnahm. Erfreulich war auch, dass ein Großteil der Abonnenten auf Rückerstattung der Tickets verzichtete und wir rund 27.000 Euro an die freien Theater und freischaffenden Schauspielerinnen und Schauspieler übergeben konnten. Wir nutzen die Chance, die uns die veränderten Bedingungen auferlegten, um in kürzester Zeit neue Formate zu entwickeln, neue Orte zu entdecken und einen breiteren Kreis anzusprechen. Doch jetzt sehnen wir uns nach vollen Rängen, tobendem Applaus, Stimmengewirr und Sekt in den Theaterpausen, lobenden und kritischen Reaktionen und dem persönlichen Kontakt zu Publikum, Künstlerinnen und Künstlern.

So wünsche ich mir für das kommende Jahr, dass unser Kulturprogramm wieder Fahrt aufnehmen kann, und insbesondere für den Theaterbereich, dass wir unsere treuen AbonnentInnen und neue Interessierte mit einem vielseitigen, aufwühlenden, tiefsinnigen und erheiternden Angebot in der Schwabenlandhalle begrüßen dürfen. Was haben wir geplant? Wenn Corona erlaubt, präsentieren wir im Frühjahr »Backbeat – die Beatles in Hamburg« und »Kabale und Liebe« der Württembergischen Landesbühne Esslingen, das gefeierte Handlungsballett »Mythos Coco« mit Peter Breuers jungem Europaballett, »Die Reise der Verlorenen« von Daniel Kehlmann unter der Regie von Thomas Luft und »Die Streiche des Scapin « des Neuen Globe Theaters Potsdam. Und im Herbst startet dann die Abo-Spielzeit 2021/2022 – hoffentlich ganz regulär und mit vollem Hause.

Maja Heidenreich ist als Leiterin des Kulturamts Fellbach verantwortlich für die Schwabenlandhalle

 

An erster Stelle auf meinem Wunschzettel für Das K steht, dass sich der Vorhang unserer wunderschönen Großbühne im Theatersaal rasch wieder heben möge und unsere Besucherinnen und Besucher der Kultur im K gesund und voller Vorfreude in unser Haus strömen. Ich vermisse die glücklichen, nachdenklichen, amüsierten oder ergriffenen Gesichter unserer Theaterabonnentinnen und -abonnenten nach einem gelungenen Kulturabend im K sowie die lachenden Kinderaugen, die begeistert aus dem Saal kommen und den Besuch des nächsten Kindertheaterstücks kaum erwarten können.

Ich wünsche mir, dass die vergangenen Monate der Kultur- und Veranstaltungsabstinenz das Bewusstsein dafür geschärft haben, dass der Wert der Kultur nicht mit reinem Freizeitvergnügen gleichgesetzt werden kann. Trotz vieler Einschränkungen, die das Publikum bis Ende Oktober durch Abstandsregelungen, Besucherbeschrän kun gen und Hygienevorschriften in Kauf nehmen musste, wurden unsere Kulturangebote dankbar angenommen. Das hat uns gezeigt, wie groß das Bedürfnis nach Kultur gerade in Krisenzeiten ist, wie sehr die Gesellschaft die geistige Anregung und Auseinandersetzung mit Kultur benötigt. Gerade jetzt ist das kulturelle Angebot in den Kommunen mehr denn je lebensnotwendig und kann den Menschen Ausblick und Hoffnung geben. Für unsere Gesellschaft ist die Schließung von Theatern, Kinos, Opern und anderen Kulturorten auf Dauer nur schwer zu verkraften. Kultur ist nicht nur wohltuende Ablenkung, ein Lichtblick im Lockdown, auch wenn sie in dieser Rolle die häusliche Isolation für viele Menschen erträglicher macht. Kultur ist für uns alle unverzichtbar, wenn es sich um die Auseinandersetzung mit wichtigen und existenziellen Fragen des Menschscheins handelt. Sie ist relevant.

Vor diesem Hintergrund wünsche ich dem K und allen Kulturschaffenden, Kulturträgern, Kulturinstitutionen, Theatern, Bühnen und Künstlern, dass die Krise gemeinsam überstanden wird und dass der Zuspruch und die Bedeutung der Kultur ungebrochen, ja sogar stärker als zuvor sein werden.

Claudia Münkel ist als Fachbereichsleiterin für Kultur und Sport der Stadt Kornwestheim verantwortlich für das Kultur- und Kongresszentrum Das K.

 

Im Theater Lindenhof wird auf der Probebühne, im Kartenbüro, in der Verwaltung und in den Werkstätten gearbeitet. Das Foyer gleicht einem Fernsehstudio. Einmal die Woche wird Theater in die Wohnzimmer gestreamt, um wenigstens auf diesem Weg das Publikum zu erreichen. Denn Theater ohne Publikum ist sinnlos und ein Austausch auf Abstand ist besser als keiner. Wir waren auf einem guten Weg, unser Theater zu einem offenen Haus im Ortskern zu machen, einem Begegnungsort. Dafür haben wir umgebaut, in Infrastruktur und einen barrierefreien Zugang investiert. Und daher wünschen wir uns nichts mehr, als dass wieder Menschen in unser Theaterhaus auf der Schwäbischen Alb kommen können.

Eine Krise ist aber auch eine Chance und der Umgang mit der Pandemie zeigt eine überraschende Besonderheit: Eine bis dato unbekannte Agilität und Entscheidungssicherheit zugleich. Plötzlich gibt es einen Konsens für die Notwendigkeit von Ausgaben in Milliardenhöhe. Wir wünschen uns, dass die Politik die gleiche Überzeugung und radikale Handlungsbereitschaft in Bezug auf die großen Fragen unserer Zeit an den Tag legt: Was tun wir, dass unsere Erde ein Lebensraum für Menschen, Pflanzen und Tiere bleiben kann? Wie können nachhaltige und solidarische gesellschaftliche Konstrukte aussehen?

Zukunftsgestaltung braucht Freiräume und Spielträume für Erfinder, Bastler, Spinner, Künstler, Andersdenkende und Andersartige. Damit unsere Kreativität sich nicht nur auf Gewinnmaximierung und raffinierte Software zur Abgasmanipulation in Autos beschränkt. Auch deshalb wünschen wir uns, dass Kunst mit all ihrer intellektuellen und poetischen Kraft und dem Willen zu schonungsloser Kritik als Transformationsgestalter und Begleiter in der Mitte der Gesellschaft und nicht als nur unterhaltender Zusatz verankert wird. Gerade in Krisen wie der aktuellen ist es wichtig, dass ein Diskurs stattfindet, und zwar nicht nur mittels Input durch Google, Facebook und Co. oder befeuert von Populisten. Deshalb wünschen wir uns, dass Kultur nicht an den Rand, sondern in die Mitte der Gesellschaft gestellt wird.

Doch zuallererst müssen wir die Pandemie in den Griff bekommen. Der größte Wunsch aller ist auch unser Wunsch. Gesundheit und ein Leben ohne Angst. Wir wünschen Ihnen schöne Weihnachtsfeiertage und alles Gute für das neue Jahr!

Stefan Hallmayer ist Mitbegründer, Stiftungsvorstand, Intendant, Regisseur und Schauspieler vom Theater Lindenhof.

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