September 2019

Wegweisend für die Aufklärung – und für Esslingen

Mit »Kabale und Liebe« eröffnet die Württembergische Landesbühne die Spielzeit zu ihrem 100. Geburtstag

»Es ist das Stück der deutschen Aufklärung – und es ist ganz eng mit der Geschichte der Württembergischen Landesbühne verbunden. «Als Friedrich Schirmer, der Intendant der Württembergischen Landesbühne in Esslingen, die Saison zum 100-jährigen Jubiläum seines Hauses plante, standen für ihn von Anfang an das Eröffnungsstück und das Premierendatumfest: Am20. September 2020 beginnt die WLB die Spielzeit mit Friedrich Schillers »Kabale und Liebe« – und zwar in Göppingen. Erst einen Tag später, am 21. September, wird die Inszenierung dann ins Esslinger Schauspielhaus umziehen.

Dafür gibt es gute Gründe: Im Mai 1918 hatte Robert Bosch zusammen mit dem Land Württemberg den Verein zur Förderung der Deutschen Volksbildung gegründet. Sein Ziel: Er wollte der nationalen Apathie und Orientierungslosigkeit nach dem verlorenen Weltkrieg etwas entgegensetzen: Bildung.

Schnell erkannten Bosch und sein Mitstreiter, der spätere Kultusminister Theodor Bäuerle, dass bei diesem moralischen Wiederaufbau das Theater eine zentrale Rolle übernehmen könne. Als neunte Unterabteilung des Vereins gründeten sie im Jahr 1919 deshalb die Schwäbische Volksbühne, den Vorgänger der Württembergischen Landesbühne, die von Anfang an als Wanderbühne ohne eigenes Haus konzipiert war. Am20. September 1919 präsentierte sich die neue Volksbühne mit »Kabale und Liebe« in Göppingen zum ersten Mal der Öffentlichkeit. Das Stück war bewusst gewählt. Schließlich hatte Schiller das Theater 1784 als »moralische Anstalt und gesellschaftspolitisches Instrument der Aufklärung« bezeichnet. Den Göppingern und der Kritik scheint es gefallen zu haben: Sie bescheinigten der Aufführung einen »glänzenden Erfolg«. Auch sieben Jahre später, als 1926 der Volksbühne- Verein in Esslingen seine feste Spielstätte fand, stand »Kabale und Liebe« als erstes Stück auf dem Spielplan. »So wie das Stück die Entwicklung von der Stände- zur bürgerlichen Gesellschaft thematisiert, also für eine Zeitenwende steht, hat ,Kabale und Liebe‘ auch für die WLB eine ganz besondere Bedeutung und steht für den Aufbruch in eine neue Zeit«, sagt Friedrich Schirmer, der bekanntlich 1993 seine Stuttgarter Intendanz quasi mit einer Doppelpremiere– mit »Gothland« und eben »Kabale und Liebe« – begann.

Nun, zum 100. Geburtstag, also wieder Schillers »Kabale«. Eine besondere Herausforderung? »Sicher «, sagt der Esslinger Intendant, der vor fünf Jahren, nach seinem Esslinger Intendanten-Debüt von 1985 bis 1989 und einer steilen Karriere, die ihn über Freiburg und Stuttgart in den Theaterolymp, ans Deutsche Schauspielhaus nach Hamburg, geführt hat, wieder an seine erste Wirkungsstätte zurückgekehrt ist. Mit großem Erfolg übrigens. Die WLB schwimmt seit Schirmers Rückkehr auf einer Erfolgswelle und der Intendant, der sich ja nichts mehr beweisen muss, weil er schon alles erreicht hat, genießt das sichtlich. Die Herausforderung annehmen wird bei der Neuinszenierung Christine Gnann, die von 2003 bis 2006 als Regieassistentin und Regisseurin am Stuttgarter Staatstheater gearbeitet hat und seit Schirmers Rückkehr nach Esslingen an der WLB so etwas wie den Status einer Hausregisseurin genießt. Zahlreiche Produktionen hat sie bisher betreut, darunter mehrere Folgendes Live-Hörspiels »Der Frauenarzt von Bischofsbrück«, aber auch schwäbische Stoffe wie die Bühnenfassung von »Die Kirche bleibt im Dorf« von Ulrike Grote oder »Der Sheriff von Linsenbach« von Oliver Storz. Schillers Drama, das mit seiner ungeheuren sprachlichen Kraft die moralische Verkommenheit des herrschenden Systems geißelt und aufzeigt, wie Menschen in einer Welt voller Korruption und Egoismus leben und überleben, sei wie gemacht für Christine Gnann, sagt Friedel Schirmer.

Nathalie Imboden spielt die Luise, Felix Jeiter den Ferdinand. Den Präsidenten von Walter stellt Martin Theuer dar: Mitte der ersten Spielzeit 1985/1986 kam der damals junge Schauspieler in Schirmers Ensemble – und als Schirmer nach Esslingen heimkehrte, holte er Theuer zurück an seine alte Wirkungsstätte. Da schließt sich dann noch ein Kreis.

Kai Holoch

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