September 2019

Was Esel mit Musik zu tun haben

Die Festival Strings Lucerne mit Felix Klieser und das Stuttgarter Kammerorchester mit Rafal Blechacz

Wolfgang Amadeus Mozart war nicht zimperlich im verbalen Umgang mit seinen Freunden. »Auf die Knie, Du Ochs! Infames Schwein! Eselchen! Triff wenigstens einen Ton, Sauschwanz!«, schrieb er dem  Hornisten Joseph Leutgeb, dem er vier Solokonzerte zugedacht hat, scherzhaft in die Noten. Esel kamen auch dem jungen Frédéric Chopin in den Sinn, als er nach seiner Ankunft in der französischen Hauptstadt zur Kenntnis nehmen musste, dass er dort nicht der einzige Pianist auf der Suche nach Erfolg war. Verärgert schrieb er einem Jugendfreund: »Ich weiß nicht, ob es irgendwo mehr Esel und Virtuosen gibt als hier.« Werke, auf die sich die zitierten »Eseleien« mehr oder weniger beziehen, stehen nun auf den Programmen zweier Konzerte der Kulturgemeinschaft Stuttgart, die beide an ein und demselben Tag in der Liederhalle stattfinden.

Im Rahmen der gemeinsam mit der Südwestdeutschen Konzertdirektion Russ angebotenen Reihe »Faszination Klassik« präsentieren die Festival Strings Lucerne unter der Leitung des renommierten Geigers Daniel Dodds am 18. Oktober im Beethoven-Saal Werke von Carl Nielsen und Béla Bartók. Bei der Darbietung von Mozarts Hornkonzerten Nr. 2 Es-Dur und Nr. 4 Es-Dur ist zudem Felix Klieser als Solist zu erleben. Klieser träumte schon im Alter von neun Jahren davon, die Hornkonzerte von Mozart spielen zu können. Da er ohne Arme geboren wurde, hat er eine Technik entwickelt, bei der das Horn von einem Stativ gehalten wird. Die Ventile bedient er mit den Zehen des linken Fußes. Mit der Camerata Salzburg hat er unlängst Mozarts vier Konzerte für sein Instrument aufgenommen, in denen der Komponist stellenweise zum Spaß sogar »gegen den Hornisten« angeschrieben hat, was Klieser bei seiner Aufnahme mit berücksichtigt. Man brauche da viel Erfahrung, meint er. Deshalb sei es ihm wichtig gewesen, eine gewisse Reife zu haben, bevor er diese Stücke aufnehme.

Daniel Dodds wurde in Adelaide als Sohn australisch- chinesischer Eltern geboren und fing mit fünf Jahren an, Geige zu spielen. Nach Studien in Luzern und Utrecht erhielt erweitere Impulse von Nathan Milstein, der ihn als »Paganinis Enkel« bezeichnet hat. Dodds ist Preisträger internationaler Wettbewerbe und seit 2000 Konzertmeister der Festival Strings Lucerne, die er vom ersten Pult aus leitet. In Stuttgart erklingen Nielsens Suite a-Moll (1888)und Bartóks Divertimento. Die drei knappen Sätze von Nielsens Erstling trugen ursprünglich die programmatischen Titel »Die Danaiden«, »Der Tanz der Chariten« und »Bacchus-Prozession«.

Ebenfalls am 18. Oktober spielt das Stuttgarter Kammerorchester im Mozart-Saal Werke von Hugo Wolf, Frédéric Chopin und Felix Mendelssohn Bartholdy. Den Solopart von Chopins Klavierkonzert Nr. 1 e-Moll übernimmt Rafal Blechacz. Der 1985 geborene Pianist war 2002 Preisträger beim Internationalen Arthur-Rubinstein-Wettbewerb in Bydgoszcz. 2005 gewann er als erster polnischer Musiker seit Krystian Zimerman dreißig Jahre zuvor den Internationalen Chopin-Wettbewerb in Warschau mit allen vier Sonderpreisen und dem Publikumspreis. Mittlerweile hat er seinen Rang als großer Chopin-Interpret bekräftigt. 2016 wurde er im Fach Philosophie promoviert. Seine Dissertation widmet sich Aspekten von Metaphysik und Ästhetik in der Musik. Chopins Konzert op. 11 ist in der Stuttgarter Liederhalle in der Fassung für Klavier und Streichorchester von Richard Hoffmann zu hören. Der Komponist hatte das 1830 im Alter von knapp zwanzig Jahren geschriebene Werk im Gepäck, als er nach Paris kam, um dort sein Glück zu machen.

Unter der Leitung von Susanne von Gutzeit spielt das Stuttgarter Kammerorchester außerdem Wolfs »Italienische Serenade« in der Fassung für Streicher und die von Mendelssohn im Alter von 14 Jahren komponierte Streichersinfonie Nr. 11 F-Dur. Gutzeit hat in Köln, Wien, Salzburg und Basel Violine, Viola und Kammermusik studiert. Seit 2013 ist sie Erste Konzertmeisterin des Stuttgarter Kammerorchesters.  

Werner M. Grimmel

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