Dezember 2018

Wahr wie Liebe und Geometrie

Das Nederlands Dans Theater zeigt zwei moderne Tanzmärchen in Ludwigsburg

Im nächsten Jahr wird das Nederlands Dans Theater sechzig Jahre alt, und immer noch setzt die Kompanie Maßstäbe für das moderne Ballett in Europa. Anfang Dezember kommt das NDT endlich wieder ins Ludwigsburger Forum, gleich für drei Abende, und bringt das brandneue Stück von Marco Goecke mit: Die Premiere von »Walk the Demon« fand erst im September in Den Haag statt. Das jüngste Ballett des in Wuppertal geborenen, von Stuttgart durch das Staatstheater-Ballett und Gauthier Dance sozusagen adoptierten Choreografen beschränkt die Tänzer nicht auf die typisch flirrenden Bewegungen Goeckes, sondern macht sie auch akustisch bemerkbar. Zu einer Musikcollage aus modernen Orchesterwerken und Popballaden verstärken ihre wispernden, quietschenden, brüllenden Stimmen die Stimme des Stücks. Crystal Pites »Partita for 8 Voices« wurde im Mai beim NDT uraufgeführt, die kanadische Erfolgschoreografin schuf ein konzertantes, frei atmendes Stück zu der gleichnamigen A-cappella-Komposition der Amerikanerin Caroline Shaw, ein immerhin mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnetes Werk. »Ihre Musik klingt wahr, so wie Geometrie wahr ist, so wie Liebe wahr ist«, sagt die Choreografin über das ungewöhnlich freudvolle Musikstück. Das dritte Ballett »Singulière Odyssée« stammt von Sol León und Paul Lightfoot, den langjährigen Hauschoreografen des NDT. Es spielt im Jugendstil-Warteraum eines alten Bahnhofs, einem Durchgangsort für einsame Reisende, und zeigt zu emotionaler Minimal Music von Max Richter jenen eleganten, geschmeidigen Stil, der seit Jahrzehnten das Markenzeichen des NDT ist.

Anfang Januar gastiert dann ein modernes Märchen in der gemeinsamen Reihe »Universum Tanz« von Forum am Schlosspark und Kulturgemeinschaft: »La Fresque« mit dem Ballet Preljocaj ist eigentlich getanzte Kalligraphie – in atmosphärischem Licht, in Kostümen von fernöstlich-abstrakter Eleganz und mit weiten Tanzlinien im Raum erzählt der Choreograf aus Aix-en-Provence ein altes chinesisches Märchen. Zwei müde Wanderer finden Zuflucht und bewundern ein verstecktes Wandfresko, einer von ihnen verliebt sich in ein darauf abgebildetes Mädchen und wird hineingezogen in die gemalte Illusion. Das Stück zeigt den Weg durch die Spiegel, den Blick auf die andere Seite, einen Ort zwischen Traum und Wirklichkeit, an dem das lange, fließende Haar der Angebeteten zum mysteriösen Symbol wird. Preljocaj mischt zeitgenössische und asiatische Elemente wie Schattentanz in seine klare, neoklassische Ästhetik. Die Partitur aus Percussion und sphärischen Klängen stammt vom französischen Rockmusiker Nicolas Godin.

Noch ein Märchen, noch eine schöne Frau und ein faszinierter Jüngling: Die sanfte Wassernixe Rusalka ist eine Schwester von Hans Christian Andersens »Kleiner Meerjungfrau«, wir kennen sie eigentlich aus der Oper von Antonín Dvorák, bis vor einem Jahr Jirí Bubenícek ihre Geschichte beim Badischen Staatsballett in Karlsruhe als Handlungsballett choreografierte.

Sein Bruder Otto schuf die Ausstattung, die tschechischen Zwillinge waren jahrelang die Startänzer von John Neumeiers Hamburg Ballett.

»Rusalka« zeigt den uralten Ballett-Konflikt zwischen Geisterwelt und wahrer Liebe in moderner Gestalt

 Sie zeigen einen See im Mondlicht und eine riesige, versunkene Neptun-Statue, dort bittet Rusalka die Hexe um Menschenbeine, damit sie dem Prinzen nahe sein kann. Zu spätromantischen Klängen, zu Klavier- und Kammermusik von Dvorák und Leos Janácek erzählt Bubenícek, wie es dem scheuen Mädchen bei den grellen Menschen ergeht, zeigt den uralten Ballett-Konflikt zwischen Geisterwelt und wahrer Liebe in einer modernen Gestalt, die sich choreografisch und dramaturgisch am klassischen Handlungsballett orientiert. Ein schrulliger Hippie-Wassermann und die ironisch überhöhte Hofgesellschaft sorgen für Humor inmitten der atmosphärischen Bilder und der slawischen Melancholie.

Angela Reinhardt

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