April 2019

Urschrei aus Stuttgart

Die Stuttgarter Philharmoniker und SWR Big Band

Seit 2012 wird der 30. April als Internationaler Tag des Jazz weltweit gefeiert. Die Stuttgarter Philharmoniker nehmen das Datum zum Anlass, in diesem Jahr zusammen mit der Big Band des SWR und dem Trompeter Sebastian Studnitzky im Beethoven-Saal der Liederhalle Musik zu präsentieren, die ihr Idiom in unterschiedlicher Weise zwischen Jazz und europäisch geprägter Kunstmusik sucht. Dennis Russell Davies dirigiert Stücke von Duke Ellington, Wolfgang Dauner und Miles Davis.

In Stuttgart ist Davies seit Jahrzehnten präsent. Während seiner Zeit an der Staatsoper in den 1980er Jahren und später beim Stuttgarter Kammerorchester hat der nordamerikanische Dirigent und Pianist immer wieder demonstriert, dass er keinerlei Berührungsängste zur Sphäre des Jazz oder zur Minimal Music hat. Auch mit dem Stuttgarter Jazz-Pianisten Wolfgang Dauner hat er einige gemeinsame Projekte realisiert. Jetzt kehrt er als Gastdirigent in die schwäbische Metropole zurück. Zum Auftakt dieses Konzerts der Kulturgemeinschaft erklingt die 1943 in der New Yorker Carnegie Hall uraufgeführte Orchestersuite »Black, Brown and Beige« des Jazz-Pianisten und Bandleaders Duke Ellington, der das zunächst rund dreiviertelstündige Werk für Big Band bis 1969 mehrfach überarbeitet und gekürzt hat. Die drei Sätze dieser »tönenden Parallele zur Geschichte der Afroamerikaner« (Ellington) mit den Titeln »Black«, »Brown« und »Beige« sind jeweils mehrteilig angelegt.

Das anschließend auf dem Programm stehende Divertimento »Second Prelude t o the Primal Scream« für großes Orchester und Big Band hat Dauner für die Verleihung des Jazz-Preises Baden-Württemberg 2016 geschrieben. Damals wurde er mit dem Sonderpreis für sein Lebenswerk ausgezeichnet. In seinem Kurzkommentar zu diesem Auftragsstück heißt es, die Art und Weise, in der hier vom Jazz inspirierte Stilistik und Rhythmik mit sinfonischem Klang verwoben seien, lasse »Gegensätze von U- und E-Musik vergessen«.

Die Musik des »Second Prelude« ist traditionell notiert, bis auf eine Textpassage aus Dauners Bühnenmusik »Der Urschrei« (2002), die von den Orchestermusikern gesprochen wird: »Musik ist das Schönste / Wir spielen erst für den Klerus / Dann für die Fürsten / Dann für das Bürgertum / Dann für die Arbeiterklasse / Jetzt für den Rechnungshof / (Schrei) waaauuuiiiiiiiii!!!!!!!!!«

Die Stuttgarter Philharmoniker verstehen ihr Konzert zum Tag des Jazz als Hommage an Wolfgang Dauner, den mittlerweile 83-jährigen »Grenzgänger, der den deutschen Jazz seit den 1950er Jahren geprägt« und dabei mit so verschiedenen Künstlern wie Zarah Leander, Eberhard Weber, Volker Kriegel, Albert Mangelsdorff oder Konstantin Wecker zusammengearbeitet hat.

Miles Davis’ »Sketches of Spain« (1960), die das Programm beschließen, gelten längst als Standardwerk des Jazz, obwohl oder vielleicht gerade weil hier dessen stilistische Grenzen erweitert wurden. Davis hat die fünf Stücke mit dem Orchester des kanadischen Pianisten und Bandleaders Gil Evans eingespielt, dessen originelle, äußerst elaborierte Instrumentation großen Anteil am spezifischen Sound dieser Musik hat. Die Verschmelzung spanischer Elemente mit dem Jazz-Idiom gibt ihr eine ganz eigene Farbe.

Auf Adaptionen des Adagios aus Joaquín  Rodrigos »Concierto de Aranjuez« (der Meister soll davon wohl nicht angetan gewesen s ein) und des » Fuego fatuo« (»Will O‘ The Wisp«) aus Manuel de Fallas Ballettmusik »El amor brujo« folgen in den »Sketches« Evans’ Kompositionen »Saeta« (Musik der Semana Santa in Sevilla) und »Solea« (ein Flamenco-Stück) sowie sein Arrangement des traditionellen »Alborada de vigo« (»The Pan Piper«). Anklänge an Maurice Ravels »Bolero« sorgen für zusätzliches spanisches Flair.

Werner M. Grimmel

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