Februar 2020

Übersetzt in Streichersprache

Alban Gerhardt präsentiert Schumanns Cellokonzert mit dem Stuttgarter Kammerorchester

Alban Gerhardt wurde 1969 als Sohn musikalischer Eltern geboren. Für das Cello hat er sich erst nach seinem 20. Geburtstag entschieden, da er bis dahin auch als Pianist zahlreiche Wettbewerbe gewonnen hatte. Nach seinem Debüt bei den Berliner Philharmonikern 1991 etablierte er sich als einer der führenden Cellisten seiner Generation. Sein weitgefächertes Repertoire umfasst auch zeitgenössische Werke. Unter anderem haben Brett Dean, Jörg Widmann, Unsuk Chin und Matthias Pintscher Solokonzerte für ihn komponiert.

Nun präsentiert Gerhardt mit dem Stuttgarter Kammerorchester unter der Leitung von Thomas Zehetmair Robert Schumanns Cellokonzert a-Moll. Vorab erklingt die »Symphonic Elegy« für Streichorchester von Ernst Krenek. Das kurze Stück ist 1946 im amerikanischen Exil entstanden, nachdem Krenek vom tragischen Tod seines ehemaligen Wiener Mentors und Freundes Anton Webern erfahren hatte. Im September 1945 war dieser von einem amerikanischen Besatzungssoldaten versehentlich erschossen worden. Am Ende des Konzerts steht Franz Schuberts bekanntes Streichquartett »Der Tod und das Mädchen« in einer Fassung für Streichorchester.

Schumanns Cellokonzert op. 129 gehört zu den ersten Werken, die der Komponist 1850 als neuer Musikdirektor in Düsseldorf anging. Im September war er dort als Nachfolger seines Freundes Ferdinand Hiller eingetroffen. Schon Ende Oktober, also noch vor der Arbeit an seiner 3. Sinfonie, stellte er die Instrumentierung fertig. Mit der Bezeichnung »Concertstück« nahm er bewusst Abstand vom Typ des im ersten Drittel des Jahrhunderts beliebt gewordenen Virtuosenkonzerts in der Art entsprechender Werke von Bernhard Romberg.

An dem so schwungvoll begonnenen Werk dürfte Schumann aber noch bis kurz vor seinem Selbstmordversuch und seiner Einlieferung in die Endenicher Heilanstalt gefeilt haben, denn das Werk erschien erst 1854 im Druck. Es weist drei miteinander verbundene Abschnitte auf, deren thematische Verklammerung durch Zitate aus dem ersten und zweiten Teil in der Überleitung zum dritten noch verstärkt wird. Die traditionelle Solokadenz im Anfangsteil ist einem bis zum Schluss durchgehaltenen romantischen Erzählton geopfert. Erst gegen Ende kommt es zum konzertanten Wechselspiel von Solist und Orchester, das sich vorher begleitend hinter Kantilenen oder rezitativischen Passagen des Violoncellos zurückhält. Der Geiger und Komponist Bernhard Jestl hat Schumanns op. 129 auf Anregung des Cellisten Daniel Müller-Schott für Streichorchester bearbeitet. Er sieht zwar generell in diesem Bereich Grenzen, hält aber nichts von puristischen Standpunkten. Seine Transkription soll lediglich Aufführungen des Stücks mit Kammerorchestern ermöglichen, denen oft keine Bläser zur Verfügung stehen.

Bei Schumanns Cellokonzert hält Jestl, dem als Orchestermusiker das Original bestens vertraut ist, eine Streicherbearbeitung durchaus für tauglich, da Bläser hier keine tragende Rolle spielen und selten solistisch hervortreten. Oft sind sie mit Streichern geführt oder pausieren gar. Trompeten, Hörner und Posaunen haben zudem keine spezifisch fanfarenartigen Aufgaben, sind also ebenfalls durch Streicher ersetzbar. Ob Schumann eine solche pragmatische Version gebilligt hätte, muss freilich offen bleiben.

 

Werner M. Grimmel 

Weitere Artikel
Juli 2020
Wie geht es weiter?

Offener Brief der Geschäftsleitung an unsere Mitglieder und unsere Kulturpartner

Von Schweden bis zum Südpol und nach Nordkorea

Vorschau auf die Reihe »Universum Tanz« im Ludwigsburger Forum am Schlosspark

Wie geht es der Kultur?

Wir setzen die Umfrage zur aktuellen Situation unter unseren Kulturpartnern fort

Im Schutz der Anonymität

Die Maske im Theater - von den alten Griechen bis heute

Juni 2020
Danke für Ihre Solidarität!

Offener Brief des Vorstands der Kulturgemeinschaft an unsere Mitglieder und unsere ...

Wie geht es Ihnen?

Wir haben unsere Kulturpartner gefragt, was die aktuelle Situation für sie bedeutet.

In Aufbruchsstimmung

Die Kunst um 1900 wird das Fokus-Thema der kommenden Saison sein: ein Vorausblick

März 2020
Raten Sie mal!

Zum 30-jährigen Jubiläum des Kunst-Abos

Musik für offene Türen

Katia und Marielle Labèque spielen mit dem Stuttgarter Kammerorchester

Musik für einen guten Zweck: »Heartbeats«

Drei Fragen an den Dirigenten des Bundeswehr-Musikkorps

Februar 2020
Geschichte und Geschichten

Sechs Kunsterlebnisse führen von Mai bis Juli an außergewöhnliche Orte

Übersetzt in Streichersprache

Alban Gerhardt präsentiert Schumanns Cellokonzert mit dem Stuttgarter Kammerorchester

Getanzter Liebestod

Wagners »Tristan & Isolde« als Ballett im Forum am Schlosspark

Verwendung von Cookies

Zur Bereitstellung des Internetangebots verwenden wir Cookies. Bitte legen Sie fest, welche Cookies Sie zulassen möchten

Diese Cookies sind für das Ausführen der grundlegenden Funktionen der Website notwendig und können nicht abgewählt werden. Diese Cookies dienen nicht zum Tracking.

Funktionale Cookies dienen dazu, Ihnen externe Inhalte anzuzeigen.

Diese Cookies helfen uns zu verstehen wie unsere Webseite genutzt wird. Dadurch können wir unsere Leistung für Sie verbessern. Zudem werden externe Anwendungen (z.B. Google Maps) mit Ihrem Standort zur einfachen Navigation beliefert.

  • Wird verwendet, um Daten zu Google Analytics über das Gerät und das Verhalten des Besuchers zu senden. Erfasst den Besucher über Geräte und Marketingkanäle hinweg.