Februar 2019

Trotz Brexit: Viva Europa!

Die Ludwigsburger Schlossfestspiele bieten Klassik und Jazz, Tanz und sogar Comedy 

Ob Sinfonik, Kammermusik, Jazz, Musik-Satire, Ballett, Kunstlied, phantastische Musik-Szenerie oder Klassik im Freien mit Orchester und Feuerwerk – die Kulturgemeinschaft hat all das bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen von Mai bis Juli diesen Jahres für ihre Mitglieder im Angebot.

Am 12. Mai gibt der renommierte Jazz-Pianist und Komponist Fred Hersch einen Solo-Abend im Ordenssaal des Ludwigsburger Schlosses (19 Uhr). Der 1955 in Cincinnati geborene Musiker ist als Grenzgänger zwischen Jazz und Klassik unterwegs. Nach frühem Klavierunterricht studierte Hersch in Boston Musik und machte sich dann in New York als Begleitmusiker bei Band-Projekten von Stan Getz, Joe Henderson, Gary Burton, Art Farmer oder Charlie Haden einen Namen. Zu seinen Vorbildern zählte damals Bill Evans. Es sollte nicht lange dauern, bis auch Herschs eigene Projekte und seine in der Szene gern als »impressionistisch « rezipierten Soloprogramme international aufhorchen ließen. In den 1990er Jahren hatten seine Alben mit Paraphrasen bekannter Titel von Thelonious Monk und den Musical-Legenden Richard Rodgers und Oscar Hammerstein Erfolg.

Im Chaos des Brexits wurden ganze Handlungsstränge von Puccinis »Turandot« verdreht

Zur »kleinsten Operette der Welt« schrumpft bei dem britischen Music-Comedy-Duo Carrington-Brown (Titelfoto) Giacomo Puccinis letzte Oper »Turan dot«. Mit ihrem »einmaligen Bühnenspektakel« kommen die beiden miteinander liierten, seit mehr als zehn Jahren im Zweierpack samt einem Cello namens Joe auftretenden Künstler Rebecca Carrington und Colin Brown am 23. Mai ins historische Ludwigsburger Schlosstheater (20 Uhr). Brown war unter anderem als Background-Sänger von Robbie Williams auf Tournee, bevor er die Cellistin Carrington kennenlernte und mit ihr nach Berlin zog.

»Turnadot« heißt die in Ludwigsburg zur »Weltpremiere « gelangende Schrumpf-Version der Puccini-Vorlage. Den lädierten Namen der chinesischen Prinzessin und des Stücks erklärt das Duo mit dem Chaos des Brexits. In dessen Turbulenzen seien nicht nur Sänger, Orchestermusiker und die ganze Crew der Produktion abhandengekommen, sondern auch ein paar Handlungsstränge der Oper verdreht worden. »Im deutschen Exil« habe man sich also daran machen müssen zu retten, was zu retten war. Das Publikum kann sich auf eine musikalisch und textlich brillante Problemlösung freuen.

Kammermusik im kleinen Kreis verspricht ein Abend mit den französischen Klassikstars Gautier Capuçon und Jean-Yves Thibaudet am 7. Juni im Theatersaal des Ludwigsburger Forums am Schlosspark (20 Uhr). Auf dem Programm stehen Cellosonaten von Claude Debussy, Johannes Brahms und Sergej Rachmaninow. Wenn der Cellist Capuçon und der Pianist Thibaudet gemeinsam Brahms’ hochromantischen Klassizismus, Debussys farbige Klangzaubereien und Rachmaninows episch weitgespannte Dialoge ohne Worte lebendig werden lassen, darf man ein musikalisches Gipfeltreffen erwarten.

Mit zwei neuen Produktionen kehrt am 15. Juni das Ballett am Rhein ins Ludwigsburger Forum zurück (20 Uhr). Mark Morris hat seinen fließenden Tanzstil in »Pacific« mit Musik von Lou Harrison kombiniert. Der hierzulande kaum beachtete Komponist wurde 1917 in Portland (Oregon) geboren. Die Spannweite seiner Werke reicht von kirchentonaler Archaik und nichttemperierter Stimmung bis zu Mikrotonalität, ethnischen Elementen und zur Verwendung selbstgebauter Instrumente. Martin Schläpfers Choreografie der »44 Duos« für zwei Violinen von Béla Bartók spürt Parallelitäten des Musikerund Tänzerlebens nach.

»Orchester mit Flügeln« und mit den Schwestern Katia und Marielle Labèque

Wie sein älterer Landsmann Fred Hersch ist der Komponist und Gitarrist Bryce Dessner, Jahrgang 1976, in Cincinnati aufgewachsen. Er hat sich zunächst als Mitglied und Songwriter der Indie-Rock-Band »The National« einen Namen gemacht. Mittlerweile hat er weltweit auch Erfolg als Tonsetzer zeitgenössischer Kunstmusik. Namhafte Musiker wie das Kronos Quartet, das Ensemble Intercontemporain, Steve Reich, Matthias Pintscher oder Gustavo Dudamel führen seine Werke auf.

Das Klavierduo Katia und Marielle Labèque hat im Vorjahr Dessners neues Konzert für zwei Klaviere mit dem London Philharmonic Orchestra aus der Taufe gehoben. Jetzt präsentieren die beiden berühmten Schwestern diese Komposition am 28. Juni im Forum am Schlosspark (20 Uhr). Das Orchester der Schlossfestspiele spielt unter der Leitung seines Chefdirigenten Pietari Inkinen. Unter dem Motto »Orchester mit Flügeln« erklingt neben weiteren Stücken auch Bartóks beliebtes Konzert für Orchester.

Einen Tag später bieten Christiane Karg (Sopran), Antoine Tamestit (Bratsche) und Malcolm Martineau (Klavier) im Ordenssaal einen Kammermusik abend mit Werken von Franz Schubert, Charles Martin Loeffler, Hugo Wolf und anderen. Karg tritt nicht nur in großen Opernhäusern auf, sondern pflegt auch die intime Liedkunst. In Ludwigsburg sind am 29. Juni geistliche Gesänge aus Wolfs »Spanischem Liederbuch«, Werke des amerikanischen Spätromantikers Loeffler und die »Arpeggione«- Sonate von Schubert zu hören (20 Uhr).

Mit Musik unter anderem von Richard Wagner, Steven Prengels und der Band Rammstein begeben sich die Schauspieler und Musiker Pascale Platel, Tom Goossens, Witse Lemmens und Gregory Van Seghbroeck als Quartett von Sinnsuchern am 4. Juli im Schlosstheater in fremdartige Sphären (20 Uhr). Der als »Musikalische Phantasie« angekündigte Abend mit dem Titel »Berg« wird inszeniert von Arno Synaeve und dirigiert von Prengels. Die Protagonisten dieses an Thomas Manns »Zauberberg« gemahnenden Stücks stoßen irgendwo in den Alpen zufällig aufeinander…

Das Klassik Open Air feiert Europa mit Komponisten aus der alten Welt

Am 13. Juli gibt es mit Musik von Hector Berlioz, Antonin Dvorák, Edward Elgar und weiteren Tonsetzern das beliebte Klassik Open Air auf der Festinwiese beim Seeschloss Monrepos (21 Uhr) – mit anschließendem Feuerwerk. Pietari Inkinen dirigiert das Festivalorchester. »Viva Europa!« heißt für ihn die Parole nach einem Jahrhundert, in dem sich der Kontinent in zwei Weltkriegen selbst zerfleischte, bevor es zur europäischen Einigung und zum Ende des Kalten Kriegs kam. Dem Brexit zum Trotz darf da neben Komponisten vieler EU-Länder auch Elgar nicht fehlen!

Werner M. Grimmel

Weitere Artikel
Juli 2019
Jenseits vom Weißenhof

Das Bauhaus-Jubiläum als Schwerpunkt des Kunstprogramms 2019/20

Das Bauhaus tanzt

Das Stuttgarter Ballett feiert 100 Jahre Bauhaus und Weimarer Verfassung

Leg dich nicht mit Männern an

Auch in diesem Jahr werden in der Oper Frauen misshandelt, verkauft und ermordet

Kommunikativ und neugierig

Matthias Foremny verabschiedet und Thomas Zehetmair kommt zum Stuttgarter Kammerorchester

Juni 2019
Ein Konzerthaus für Stuttgart

Die Sprecher der »Konzerthaus-Initiative« erläutern ihre Vorhaben und Ideen

Mehr als nur die Wilhelma

König Wilhelm I. von  Württemberg als Förderer der Künste

»Das ist nicht zu glauben, was in der Musik für Feuer ist«

Das Stuttgarter Kammerorchester widmet sich den Lokalhelden der Musik von gestern und heute

Mai 2019
Liebe, Streit und Who’s who?

4 Inszenierungen an 3 Häusern zeigen Stücke von und über William Shakespeare

»Musik soll für sich sprechen«

Der kanadische Pianist Jan Lisiecki spielt Klavierkonzerte von Felix Mendelssohn Bartholdy

Purer, starker Tanz

Die Dresden Frankfurt Dance Company gastiert im Forum am Schlosspark in Ludwigsburg

April 2019
Brasilien ist ansteckend

Grupo Corpo aus Brasilien kommt mit zwei Choreografien ins Forum am Schlosspark 

Aus den Tiefen der Viola

Der Bratschist Antoine Tamestit gastiert beim SWR Symphonieorchester in der Liederhalle

Urschrei aus Stuttgart

Die Stuttgarter Philharmoniker und SWR Big Band

März 2019
Momente des Abhebens

Saxofonistin Asya Fateyeva im Konzert mit Stuttgarter Kammerorchester

Zurück zur Moderne

Stuttgarter Ballett feiert mit „One of a Kind“ Jirí Kylián 

Februar 2019
»Ich sauf mich lila mit Tequila«

»Charleys Tante« als Operette: Die Kammeroper München zu Gast 

Trotz Brexit: Viva Europa!

Die Ludwigsburger Schlossfestspiele bieten Klassik und Jazz, Tanz und sogar Comedy 

Januar 2019
Unter den Rädern

 Studio Theater zeigt Hauptmanns Drama »Bahnwärter Thiel«

Raus aus der Klischee-Schublade

Leticia Moreno spielt Spanisches beim Neujahrskonzert

Dezember 2018
Wahr wie Liebe und Geometrie

Das Nederlands Dans Theater zeigt zwei moderne Tanzmärchen in Ludwigsburg

Ein Orchester mit Charakter

Sascha Goetzel führt Borusan Istanbul Philharmonic Orchestra zu internationalem ...