Januar 2021

Tropfen im Ozean

Können private Hilfen für Künstler einen Totalschaden der Kultur abwenden?

»Wir bekommen täglich Anfragen«, sagt Joe Bauer, der mit seiner KünstlerInnensoforthilfe Stuttgart seit März bereits mehr als 400.000 Euro an Spenden gesammelt hat. Der Autor, stadtbekannt durch seine Kolumnen, früher in den Stuttgarter Nachrichten, heute in der Wochenzeitung Kontext, durch seinen Flaneursalon und andere Aktivitäten, ist gut vernetzt. Er kennt viele Künstlerinnen und Künstler und weiß, in welcher Situation sie sich aufgrund der Auftrittsverbote, Absagen und Schließungen befinden. Und der eine oder andere, der sich nicht in Not befindet, ist bereit zu helfen, manchmal auch mit ansehnlichen Beträgen. Etwa wenn durch die Absage einer Firmen-Weihnachtsfeier Mittel frei geworden sind, erklärt der Kolumnist. Und wenn das Staatsorchester, das Pop-Büro und das Club Kollektiv mit einer gemeinsamen Veranstaltung per Livestream zu Spenden aufrufen, bringt das weitere Mittel ins Haus.

»Wir hatten gehofft, dass sich das weiter verbreiten würde und überall solche Initiativen entstehen «, bekennt Bauer, doch das sei nur begrenzt der Fall. Nun, es gibt durchaus viele Initiativen: Neun allein für verschiedene Zwecke in Hamburg finden sich auf einer Website des NDR. Das war im April. Seither ist vielerorts Ernüchterung eingetreten. Mit recht viel Schwung startete zum Beispiel im März die »coronakuenstlerhilfe« des angehenden Filmemachers Timm Markgraf und des Startup-Unternehmers Benjamin Klein aus Lüneburg. Sie hatten Unterstützung bekannter Musiker, es gab Fernseh- und Zeitungsberichte. Doch nach einem halben Jahr muss der Musikproduzent Peter Hoffmann, der das Projekt unterstützt, feststellen: »Diese Hilfe kommt nur sporadisch.« Und Markgraf ergänzt: »Jetzt haben wir die Situation, dass die Armen für die Armen sammeln.« Die bundesweite Initiative KrisenKultur mit über hundert Beteiligten musste im August ihre Hilfe einstellen: »Die Coronakrise ist nicht vorbei«, heißt es im Weblog, »aber wir mussten unsere Ressourcen neu einteilen.«

Tickets nicht zurückgeben, sondern in Gutscheine umwandeln, für Online-Konzerte und Lesungen ein Eintrittsgeld spenden, Kunst-Verkaufsaktionen, ja sogar bezahlte Geistervorstellungen für Kinoprogramme, die gar nicht stattfinden: Die Kulturszene ist kreativ. Doch selbst eine so erfolgreiche Initiative wie die in Stuttgart ist, Joe Bauer zufolge, »nicht mehr als ein Tropfen im Ozean«. Auf der Website der Bundesregierung steht immer noch, Stand 20. November: »Für das Programm Neustart Kultur steht rund eine Milliarde Euro zur Verfügung. « Das klingt nach viel Geld. Bereits Anfang Juni hat jedoch eine Prognose die zu erwartenden Umsatzeinbußen im Kulturbereich auf 39 Milliarden geschätzt. Angesichts solcher Summen kann die private Nothilfe nur versuchen, die Lücken zu füllen, die im staatlichen Hilfsangebot offen bleiben.

Baden-Württemberg steht vergleichsweise vorbildlich da. Es gibt eine Corona-Hotline bei der Medien- und Filmgesellschaft (MFG), die über die verschiedenen Hilfsangebote berät. Es gibt die Novemberhilfe, bei der man 75 Prozent der ausgefallenen Einnahmen ersetzt bekommt. Wer aber, wie viele Künstler und Freiberufler, so wenig verdient, dass 75 Prozent der Einnahmen nicht einmal die Fixkosten decken, der kann Überbrückungshilfe beantragen. Das geht wiederum nur mit einem Steuerberater. Doch die verdienen an der Coronahilfe nicht viel und sind derzeit fast ausnahmslos mit anderen Dingen ausgelastet. Was, wenn im November noch genug Geld für Aufträge der vergangenen Monate hereinkam und die Ausfälle sich erst im Januar bemerkbar machen? Es gibt viele solche Lücken im staatlichen Hilfssystem. Und nur hier kann private Hilfe sinnvollerweise einspringen.

Doch was in Stuttgart noch funktionieren mag, stößt anderswo schnell an Grenzen. 20.000 Euro hat eine Kampagne in Dresden gesammelt, 37.000 Euro eine andere in Leipzig. Bei allen Initiativen der Crowdfunding-Plattform Startnext kamen insgesamt nicht mehr als 130.000 Euro zusammen. Etwas mehr Spielraum haben lediglich einige Stiftungen. Die Deutsche Orchesterstiftung hat beispielsweise bisher drei Millionen gesammelt, die Ernst-von-Siemens-Musikstiftung zwei Millionen für Studierende an 43 Musikhochschulen: eine andere Gruppe, die sonst durch alle Raster fällt. Vollends absurd wird es, wenn die Stiftung und private Geldgeber allein in Stuttgart je zur Hälfte 80.000 Euro aufbringen, damit Studierende von außerhalb der EU die speziell für sie eingeführten Studiengebühren von 1.500 Euro pro Semester bezahlen und ihr Studium fortsetzen können: Geld, das dann noch nicht einmal der Hochschule zur Verfügung steht, sondern überwiegend in den Landeshaushalt fließt.

Dietrich Heißenbüttel

Weitere Artikel
Januar / Februar 2021
Offener Brief der Geschäftsleitung

Liebe Freundinnen und Freunde der Kultur

Einsame Werke: Angeklickt, gelikt – und wieder vergessen

Ist Digitalisierung eine Lösung in Anbetracht geschlossener Museen?

Tropfen im Ozean

Können private Hilfen für Künstler einen Totalschaden der Kultur abwenden?

Wie geht es der Kultur?

Was unsere Kulturpartner sich vom Weihnachtsmann wünschen

November / Dezember 2020
Offener Brief der Geschäftsleitung

Liebe Abonnentinnen und Abonnenten, liebe Mitglieder

Ein Kulturverein, der für seine Mitglieder steht, und seine Mitglieder für ihn!

Einige Ergebnisse aus unserer Kundenumfrage

Kleines Ensemble, großer Charme

In Stuttgart sind derzeit mannigfaltige Ein- und Zwei-Personen-Stücke zu sehen

Sanfter Neustart in der Kultur

Wie unsere Kulturpartner sich auf die aktuelle Situation einstellen

September / Oktober 2020
Auf die Plätze, fertig, los!

Offener Brief der Geschäftsleitung an die Mitglieder der Kulturgemeinschaft

Energievoll und farbenreich

Das Stuttgarter Kammerorchester feiert sein 75-jähriges Jubiläum

Es geht weiter – aber wie?

Auch die Konzertdirektion Russ feiert ihr 75-jähriges Bestehen

Die Krise als Beschleuniger

Wie die Pandemie gesellschaftliche Trends verstärkt

Juli 2020
Wie geht es weiter?

Offener Brief der Geschäftsleitung an unsere Mitglieder und unsere Kulturpartner

Von Schweden bis zum Südpol und nach Nordkorea

Vorschau auf die Reihe »Universum Tanz« im Ludwigsburger Forum am Schlosspark

Wie geht es der Kultur?

Wir setzen die Umfrage zur aktuellen Situation unter unseren Kulturpartnern fort

Im Schutz der Anonymität

Die Maske im Theater - von den alten Griechen bis heute

Verwendung von Cookies

Zur Bereitstellung des Internetangebots verwenden wir Cookies. Bitte legen Sie fest, welche Cookies Sie zulassen möchten

Diese Cookies sind für das Ausführen der grundlegenden Funktionen der Website notwendig und können nicht abgewählt werden. Diese Cookies dienen nicht zum Tracking.

Funktionale Cookies dienen dazu, Ihnen externe Inhalte anzuzeigen.

Diese Cookies helfen uns zu verstehen wie unsere Webseite genutzt wird. Dadurch können wir unsere Leistung für Sie verbessern. Zudem werden externe Anwendungen (z.B. Google Maps) mit Ihrem Standort zur einfachen Navigation beliefert.

  • Wird verwendet, um Daten zu Google Analytics über das Gerät und das Verhalten des Besuchers zu senden. Erfasst den Besucher über Geräte und Marketingkanäle hinweg.