April 2018

Suff, Sünde und ein Strumpfband

Die Komödie im Marquardt erzählt von einem  heiteren Skandälchen um König Wilhelm II.

Strumpfbänder haben im Laufe der Geschichte  immer wieder für Kuriosität gesorgt. Bertha Benz,  die Gattin des Kraftfahrzeugvaters Carl Benz, verwendete  etwa ihr Strumpfband, um anno 1888  zwischen Mannheim und Pforzheim bei der allerersten  Automobilfernfahrt ein defektes Kabel zu  isolieren. Auch in der Literatur garantiert das  Strumpfband Dramatik: In Schillers »Kabale und  Liebe« verursacht es Zwist zwischen dem Hofmarschall  und Oberschenk von Bock, Goethes liebewitternder  Faust wendet sich ob seiner amourösen  Gefühle für Margarete an Mephistopheles: »Schaff  mir ein Halstuch von ihrer Brust, ein Strumpfband  meiner Liebeslust!« Und in der Stuttgarter  Komödie im Marquardt setzt ein Strumpfband  ebenfalls einiges in Gang: »Ein Strumpfband seiner  Liebeslust« heißt das neue Stück von Tobias  Goldfarb, das am 22. März Premiere feiert.  Hier taucht das Strumpfband in einem Trinkbecher  auf. Klingt zunächst harmlos, wenngleich  nicht appetitlich. Allein: Es handelt sich um den  Trinkbecher des Königs Wilhelm II. von Württemberg,  der im Jagschloss nach einer durchzechten  Nacht mit seinen Freunden erwacht und von  nichts mehr weiß. Königin Charlotte ist freilich  nicht begeistert, die Journalistin Fräulein Weiß  wittert Schlagzeilen: Ein so integrer Mann wie  Wilhelm II. wird doch nicht – nein, undenkbar.  Das inkriminierte Strumpfband muss untersucht,  die Sachlage mit schwäbischer Akkuratesse aufgearbeitet  werden. Ein Fall für Kommissar Holzapfel  vom Kommissariat Stuttgart.  Treue Theatergänger erinnern sich: Kommissar  Holzapfel tauchte bereits als Nebenrolle in Goldfarbs  »Sherlock Holmes und die Kehrwoche des Todes«  auf. »Die Figur, gespielt von Norbert Aberle, kam  unglaublich gut an, obwohl sie nur einen kleinen  Auftritt hatte«, erzählt Goldfarb, der selbst Regie  führt. Deshalb hatte man das Gefühl, man müsse  den Kommissar nochmals auf die Bretter bringen.  Und warum ermittelt Holzapfel am königlichen  Hof im Jahre 1908? Die Auffälligkeit bei König Wilhelm  II. ist, dass es keine Auffälligkeiten gibt: »Es  gab keine Bestechungen, keine Skandale, keine  moralisch zweifelhaften Vorkommnisse«, so der  Autor. Umso reizvoller also die Überlegung, diesem  Monarchen etwas in die Schuhe zu schieben.  Bei aller Heiterkeit existieren aber auch einige bedenkliche  Parallelen zwischen den Jahren 1908 und  2018. Das Stück spielt in einer Zeit, in der vieles im  Wandel ist, in der sich der Erste Weltkrieg bereits  abzeichnet. »Heutzutage ist es natürlich nicht ganz  so schlimm«, so Goldfarb, »aber man hat das Gefühl,  es entgleitet uns etwas, die Gesellschaft bricht  auseinander. Das war damals ähnlich. Für uns ist  es daher interessant, diese Situation anzugucken  und aus den Fehlern von damals zu lernen.«  Dennoch ist »Ein Strumpfband seiner Liebeslust«  natürlich zuvörderst eine Komödie mit überzeichneten  Figuren, bei der gelacht werden soll, wenn auch  vor einem gesellschaftlich relevanten Hintergrund:  »Eine Komödie, die nicht auf ernstem Boden steht, ist  keine. Man braucht bei einer Komödie immer auch  Substanz, sonst berührt es einen nicht«, sagt der Regisseur.  Gut also, dass in solch unsicheren Zeiten ein  gelassener Kommissar wie Holzapfel mit seinem Motto  »Erscht ‘s Veschper, dann d‘ Verhaftung« zur Tat  schreitet. Einer, der sich von nichts aus der Ruhe bringen  lässt. Nicht einmal von etwas so Sündigem wie  einem Strumpfband.   

Cornelius W. M. Oettle 

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