Mai 2019

»Musik soll für sich sprechen«

Der kanadische Pianist Jan Lisiecki spielt Klavierkonzerte von Felix Mendelssohn Bartholdy

Mit dem Begriff »Wunderkind« ist es so eine Sache. Musikfreunde werden als erstes an Mozart denken, aber es gibt Experten, die eher Felix Mendelssohn Bartholdy ein typisches Wunderkind nennen würden. Dieser wuchs in einer prominenten Familie auf, begann früh eine umfassende Ausbildung, debütierte mit neun Jahren als Pianist und komponierte mit zehn, elf innerhalb eines Jahres Werke quasi in Dutzenden. Am Ende seines kurzen Lebens gehörte er zu den europäischen Berühmtheiten – nicht nur als Komponist, sondern auch als Klaviervirtuose und Dirigent: In Deutschland erfolgreich, in Großbritannien ein Star. Doch seine jungen Jahre seien nicht nur vom musikalischen Drill geprägt gewesen, sagt der Mendelssohn-Biograf Thomas Lackmann: Felix habe durchaus eine richtige »Berliner Lausbubenkindheit« gehabt.

Betrachtet man die Karriere von Jan Lisiecki (Titelfoto), der mit heute 24 bereits auf rund fünfzehn Jahre als Pianist zurückblicken kann, findet man die eine oder andere Parallele zu Mendelssohn: Auch Lisiecki trat mit neun erstmals öffentlich mit Orchester auf, und natürlich hat man dem Sohn polnischer Eltern, der mit fünf das Klavierstudium am Konservatorium seiner Geburtsstadt Calgary aufnahm, bereitwillig das Etikett »Wunderkind« aufgeklebt. Er lässt sich davon, wie auch von seinem heutigen Ruhm, nicht sehr beeindrucken – es macht ihm nichts aus, wenn statt seiner ein im gleichen Hotel logierendes Basketballteam um Autogramme gebeten wird, und er vermeidet den Eindruck, nur für die Musik zu leben: Auf Zugfahrten sieht er hauptsächlich aus dem Fenster, fotografiert leidenschaftlich gerne und nutzt die internationale Konzerttätigkeit dazu, sich auf Abstechern beispielsweise nach Albanien und Mazedonien weitestmöglich vom nächsten Klavier zu entfernen. Er wolle »auch das Leben genießen und nicht nur Konzerte geben«, sagte er kürzlich in einem Interview.

Auf seinem aktuellen Mendelssohn-Album hat er Mendelssohns erstes Klavierkonzert von 1831 mit dem einige Jahre später entstandenen zweiten Klavierkonzert und einigen Solostücken kombiniert. Das erste Konzert sei ein »vollkommen positives Werk, ganz sorgenfrei«, sagt Lisiecki, während das zweite, einige Jahre später entstandene auch wesentlich düstere Töne enthalte. Im Gespräch fragt sich der Pianist zwar halb scherz-, halb ernsthaft, ob das daran liegen könne, dass das zweite Klavierkonzert unmittelbar nach der Hochzeitsreise entstanden ist – nur um gleich darauf zu betonen, dass er die Lebensumstände des jeweiligen Komponisten nicht für wesentlich halte: »Die Musik sollte für sich selbst sprechen.«

In Stuttgart führt er beide Klavierkonzerte gemeinsam mit dem Orpheus Chamber Orchestra auf. Das ist ein sehr modern denkendes Ensemble, selbstverwaltet und ohne Dirigent spielend. Jan Lisiecki fand das schon bei den Aufnahmen inspirierend – ohne viele Worte habe man sich musikalisch verstanden und trotz orchestraler Besetzung echte Kammermusik gemacht, erzählt der Pianist. Zwar habe er auch anderswo schon mit Orchestern ohne Dirigenten gearbeitet, Atmosphäre und Austausch seien beim Orpheus Chamber Orchestra aber einmalig.

An seinen ersten Auftritt in Stuttgart erinnert sich Jan Lisiecki ziemlich genau – er sei für Martha Argerich mit Robert Schumanns Klavierkonzert eingesprungen und habe nur mit Mühe eine akute Lebensmittelvergiftung verheimlichen können: »Ich konnte kaum gehen«, erinnert er sich, »aber niemand hat etwas gemerkt.« Das gehört wohl auch zum Leben eines berühmten Musikers: Unerschrockenheit.

Jürgen Hartmann

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