März 2020

Musik für offene Türen

Katia und Marielle Labèque spielen mit dem Stuttgarter Kammerorchester

Auftritte des Stuttgarter Kammerorchesters im Theaterhaus haben ihre besondere Dramaturgie, soll doch im Unterschied zum Beethoven- oder Mozart-Saal der Liederhalle ein breiteres Publikum angesprochen werden. Im Konzert mit den »Löwinnen« Katia und Marielle Labèque am 3. März sind Hochspannung und Attraktivität garantiert, nicht nur wegen der ungebrochenen Popularität der beiden virtuosen Performerinnen am Klavier. Der Konzert-Titel spielt auch auf ein spektakuläres Programmstück an, mit dem der Abend glorios seinen Höhepunkt erreichen wird: Camille Saint-Saens’ »Karneval der Tiere«, der ja schon in seiner Introduktion den König des Tierreichs beim Einzug in die Arena durch die »Marche royale du lion« porträtiert. Zwei Tasten-»Löwinnen« also im Mittelpunkt der vierzehn Charakterstücke, in denen neben zwei Konzertflügeln und den Streichern auch Flöte, Klarinette, Xylophon und Glasharmonika eine Rolle spielen.

Saint-Saens’ 1886 komponierter »Karneval« mit dem Untertitel »Große zoologische Fantasie« zeigt seinen Esprit nicht zuletzt durch kurze Zitate aus dem musikalischen Museum. Bei den »Schildkröten« parodiert er den Cancan aus Jacques Offenbachs »Orpheus in der Unterwelt«, bei der Elefanten-Dressur Berlioz und Mendelssohn, in den »Fossilien« sind nicht nur seine eigene »Danse macabre«, sondern auch Volkslieder wie »Au clair de la lune«, der junge Mozart und eine Rossini-Arie aus dem »Barbier von Sevilla« aus der Versteinerung erweckt. Am romantischsten bewegt sich das Solo-Cello in »Le Cygne«, den der eine oder andere Ballettfan wohl schon als »Sterbender Schwan« auf der Bühne erlebt hat. Für die Labèque-Schwestern ist diese tierische Fantasie auf jeden Fall ein köstlicher Spaß, der sich mit ihrem beiderseitigen Temperament auch aufs Publikum übertragen wird.

Hinzu kommt das eigens für sie komponierte »Double Concerto for Two Pianos« von Philip Glass, welches von Katia und Marielle Labèque 2015 mit dem Los Angeles Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Gustavo Dudamel uraufgeführt wurde. Hier sieht Glass die Solistinnen eindeutig im Mittelpunkt, das Orchester dagegen als »Erweiterung« der beiden Klaviere, deren Rollenverteilung sich ständig ändert. Das Stück hat Philip Glass den beiden Schwestern auf den Leib geschrieben: »I know what they sound like«, sagt er in einem Proben-Video.

»Vielschichtig« empfindet er die Struktur der drei Sätze, »fröhlich« die ersten beiden, etwas »nostalgisch « den letzten. Wobei sich der vor einigen Wochen 83 Jahre alt gewordene Philip Glass längst nicht mehr so ausschließlich seiner Minimal Music Patterns bedient wie zu Zeiten seiner Operntrilogie mit »Satyagraha«, »Echnaton« und »Einstein on the Beach«, welche an der Stuttgarter Oper in den 1980er Jahren mit großem Erfolg aufgeführt wurde.

»Lass die Tür offen und die Musik hereinkommen «, hat der Komponist im erwähnten Interview bekannt. Ein beachtenswertes Prinzip auch für die Zuhörer des Konzerts, denen unter der Leitung des deutsch-ägyptischen Gastdirigenten Nabil Shehata noch David Diamonds populäre »Rounds« und Guillaume Lekeus »Adagio« für Streichquartett nahegebracht werden.

 

Dietholf Zerweck 

Weitere Artikel
Juli 2020
Wie geht es weiter?

Offener Brief der Geschäftsleitung an unsere Mitglieder und unsere Kulturpartner

Von Schweden bis zum Südpol und nach Nordkorea

Vorschau auf die Reihe »Universum Tanz« im Ludwigsburger Forum am Schlosspark

Wie geht es der Kultur?

Wir setzen die Umfrage zur aktuellen Situation unter unseren Kulturpartnern fort

Im Schutz der Anonymität

Die Maske im Theater - von den alten Griechen bis heute

Juni 2020
Danke für Ihre Solidarität!

Offener Brief des Vorstands der Kulturgemeinschaft an unsere Mitglieder und unsere ...

Wie geht es Ihnen?

Wir haben unsere Kulturpartner gefragt, was die aktuelle Situation für sie bedeutet.

In Aufbruchsstimmung

Die Kunst um 1900 wird das Fokus-Thema der kommenden Saison sein: ein Vorausblick

März 2020
Raten Sie mal!

Zum 30-jährigen Jubiläum des Kunst-Abos

Musik für offene Türen

Katia und Marielle Labèque spielen mit dem Stuttgarter Kammerorchester

Musik für einen guten Zweck: »Heartbeats«

Drei Fragen an den Dirigenten des Bundeswehr-Musikkorps

Februar 2020
Geschichte und Geschichten

Sechs Kunsterlebnisse führen von Mai bis Juli an außergewöhnliche Orte

Übersetzt in Streichersprache

Alban Gerhardt präsentiert Schumanns Cellokonzert mit dem Stuttgarter Kammerorchester

Getanzter Liebestod

Wagners »Tristan & Isolde« als Ballett im Forum am Schlosspark

Verwendung von Cookies

Zur Bereitstellung des Internetangebots verwenden wir Cookies. Bitte legen Sie fest, welche Cookies Sie zulassen möchten

Diese Cookies sind für das Ausführen der grundlegenden Funktionen der Website notwendig und können nicht abgewählt werden. Diese Cookies dienen nicht zum Tracking.

Funktionale Cookies dienen dazu, Ihnen externe Inhalte anzuzeigen.

Diese Cookies helfen uns zu verstehen wie unsere Webseite genutzt wird. Dadurch können wir unsere Leistung für Sie verbessern. Zudem werden externe Anwendungen (z.B. Google Maps) mit Ihrem Standort zur einfachen Navigation beliefert.

  • Wird verwendet, um Daten zu Google Analytics über das Gerät und das Verhalten des Besuchers zu senden. Erfasst den Besucher über Geräte und Marketingkanäle hinweg.