Oktober 2018

Lust auf Klassik

Eine Vorschau auf die Highlights der neuen  Konzertsaison im September und Oktober

Die Konzertsaison beginnt – und gleich präsentiert  die Kulturgemeinschaft im September und  Oktober mehr als zwei Dutzend Veranstaltungen  mit exzellenten Orchestern und Ensembles, Solisten  und Dirigenten, die nicht nur wegen ihrer  Programmvielfalt und den wechselnden Spielorten  das Interesse wecken.

Topstar der beginnenden Stuttgarter Saison ist  natürlich der neue Chefdirigent des SWR Symphonieorchesters  Teodor Currentzis. Gerade hat  er bei den Salzburger Festspielen alle neun Beethoven-  Sinfonien mit seinem 2004 im russischen  Perm gegründeten Ensemble MusicAeterna aufgeführt,  bei seinem »Antrittskonzert« im Beethoven-  Saal der Liederhalle (21. 9.) wird er Gustav  Mahlers 3. Sinfonie dirigieren. Schon die Interpretation  von Bruckners 9. Sinfonie mit seinem  zukünftigen Orchester im Januar war atemberaubend  radikal, sprich an die Wurzeln gehend.  Currentzis, als »Klassik-Rebell« bewundert und  gehyped, will die von ihm dirigierten Werke von  der Patina der Gewohnheit befreien wie vor Jahrzehnten  die Restauratoren Michelangelos Fresken  in der Sixtinischen Kapelle. Dass er dies auch mit  dem SWR Symphonieorchester bei Mahlers  100-minütigem, 6-sätzigem sinfonischem Koloss  versuchen wird, darf man erwarten.

Ein anderer Newcomer in Stuttgart ist der neue  Opern-GMD und Chef des Staatsorchesters Cornelius  Meister, bis vor kurzem Chefdirigent des  ORF-Symphonieorchesters Wien und vielfach mit  Opernproduktionen ausgezeichnet. Im ersten Saisonkonzert  (7./8. 10.) hat er bezeichnenderweise  ebenfalls Gustav Mahler im Programm: dessen  7. Sinfonie, deren C-Dur-Schlusssatz im Laufe der  Zeit ähnlich kontrovers aufgenommen wurde wie  das Finale der 3. Sinfonie. Theodor W. Adorno vermisste  darin die sonst geschätzte Vielschichtigkeit  und Ironie, der Komponist sei »ein schlechter Jasager,  seine Stimme überschlägt sich, seine vergeblichen  Jubelsätze entlarven den Jubel«, während  Mahlers Zeitgenossen »Sonne und Erde,  Schöpfer und Geschöpf, Göttliches und Irdisches  in einem großen Akkord« zusammen tönen hörten.  Es ist überhaupt phänomenal, wie sich die  Mahler-Rezeption im letzten halben Jahrhundert,  nach der Verfemung des österreichisch-jüdischen  Komponisten durch die Nazis und dessen Abwehr  durch die Neue-Musik-Dogmatiker nach 1945, verändert  hat und wie Mahler und Schostakowitsch  heute als die beiden größten Sinfoniker des  20. Jahrhunderts gefeiert werden. Seinen Einstand  mit dem traditionsreichen Staatsorchester  gibt Meister jedoch mit einem der Kultstücke der  modernen Musik: John Cages »4‘ 33‘‘«, bei dem die  Zuhörer viereinhalb Minuten oder eine gefühlte  Ewigkeit den Musikern beim Zelebrieren der Stille  im Konzertsaal beiwohnen. Der Spannungsbogen  von Cage über Haydns »Le Matin« zu Mahler  dürfte gewaltig sein.     

Einige Gastdirigenten versprechen bei ihrem Auftritt  in der Liederhalle besonders interessante  Höreindrücke. Der erst 30-jährige Israeli Yoel  Gamzou, seit 2006 Gründer und Leiter des International  Mahler Orchestra, dirigiert die Stuttgarter  Philharmoniker in Mendelssohns »Schottischer  « Sinfonie, Richard Strauss‘ »Metamorphosen  « und Elgars Cellokonzert mit dem bulgarischen  Solisten Stefan Hadjiev (9. 10.). Die Französin  Ariane Matiakh, immer noch eine der seltenen  Dirigentinnen auf deutschen Konzertpodien, hat  bei ihrem Debüt mit diesem Orchester (19. 10.)  neben Johann Strauß (»An der schönen blauen  Donau«) und Liszt (»Mephistowalzer«) die 3. Sinfonie  von Johannes Brahms im Programm.     

Der 1980 in Riga geborene Andris Poga – vor seiner  Ernennung zum Chefdirigenten des Lettischen  Staatsorchesters 2013 Assistent von Paavo  Järvi beim Orchestre de Paris – eröffnet die von  der Kulturgemeinschaft mitveranstaltete Reihe  »Faszination Klassik« mit seinem Orchester (25.  10.) mit Tschaikowskys »Pathétique« und Baiba  Skride als Solistin im 1. Violinkonzert Sergej Prokofjews.  Ein anderer prominenter Geiger ist beim  Stuttgarter Kammerorchester zum Saisonauftakt  im Mozart-Saal der Liederhalle zu Gast: Am  14. September spielt der Reine-Elisabeth-Preisträger  und 2006 mit dem Premio Paganini Genf  ausgezeichnete Chinese Ning Feng auf seiner  Stradivari »MacMillan« von 1721 Mendelssohns  d-Moll-Violinkonzert unter der Leitung von  Matthias Foremny.      

An ganz anderem Ort, im  Kunstmuseum Stuttgart, tritt das Stuttgarter  Kammerorchester mit Peter Rundel als Dirigent  und Werken des 20. und 21. Jahrhunderts in Erscheinung  (31. 10.). Vom 1932 geborenen polnischen  Komponisten Wojciech Kilar – bekannt auch  durch seine Musik zu Filmen wie Polanskis »Der  Pianist« und »Der Tod und das Mädchen« oder Jane  Campions »Portrait of a Lady« – erklingt zu Beginn  »Orawa« aus dem Zyklus seiner »Tatra Mountain  Works«. Kilar, der nach Werkphasen unter dem  Einfluss von Strawinsky und Bartók sowie der  Schönberg-Schule eine eigenständige Synthese  von melodischer Tradition und Minimal Music  entwickelte, hat in »Orawa« dem Fluss, dem Land  und den Bergen der Karpaten ein tönendes Denkmal  gesetzt, mit ätherischem Naturlaut und folkloristischen  Anklängen. Die Uraufführung von  Samir Odeh-Tamimis Konzert für Viola und  Streichorchester mit dem Grazer Manuel Hofer als  Solisten steht im Mittelpunkt des Konzerts: Der in  Tel Aviv geborene palästinensische Komponist  spielte zunächst als Keyboarder und Schlagzeuger  in verschiedenen arabischen Ensembles, bevor er  in den 1990er Jahren an den Universitäten von Kiel  und Bremen studierte und seitdem für Festivals  der Neuen Musik wie Donaueschingen Auftragswerke  komponiert, die oft auch die Spannungen  und Konflikte Israels reflektieren. Arnold Schönbergs  »Verklärte Nacht« in der Fassung für Streichorchester  beschließt das originelle Programm.  Dass auch ein konventioneller Spielort wie der  Mozart-Saal der Liederhalle zur experimentellen  Musikbühne werden kann, ist bei einem Konzert  unter dem Titel »Adónde – Wohin? Auswege in die  Musik von Schubert und Kurtág« zu erleben (16.  10.). Der programmatische Name des Stuttgarter  Neue-Musik-Ensembles Ascolta (»Höre!«) passt auf  das gemeinsame Projekt mit dem Hamburger Ensemble  Resonanz, das sich in seinen Spielstätten  der Elbphilharmonie und auf St. Pauli mit dem  Verhältnis von zeitgenössischer Musik und klassisch-  romantischer Tradition auseinandersetzt.  Lieder von Franz Schubert und Miniaturen des  ungarischen Komponisten György Kurtág hat der  Komponist Christoph Grund zu einem fünfviertelstündigen  Klangkosmos verarbeitet, der unter  seiner Leitung aufgeführt wird – ganz im Sinne von  Kurtágs Kommentar zu seinem Klavierzyklus »Játékok  « (»Spiele«): »Für mich ist eine Komposition  nie beendet. Ich brauche immer ein nächstes Mal.«  Wenn Frieder Bernius mit seinem Kammerchor  und der Hofkapelle Stuttgart in der Domkirche  St. Eberhard Beethovens »Missa solemnis« nach der  Rückkehr von seiner Italientournee aufführt  (18. 10.), dann erlebt man Klangexperimente ganz  anderer Art. Der 71-jährige Wahl-Stuttgarter tüftelt  seit einem halben Jahrhundert als Chor- und  Orchesterleiter an der idealen Balance der Klänge,  je nach Werk und historischem Kontext, und seine  erneute Auseinandersetzung mit Beethovens  chorsinfonischem Monumentalwerk wird am sakralen,  akustisch empfindlichen Ort gewiss die  Zuhörer überwältigen. Zwei Wochen davor (4. 10.)  dirigiert am gleichen Ort der mehr als eine Generation  jüngere Florian Helgath (seit 2011 Leiter des  ChorWerks Ruhr) das von Marcus Creed in 15 Jahren  zu einem Spitzen-Klangkörper geformte SWR  Vokalensemble in Bach-Bearbeitungen von Nystedt,  Sandström, Kagel, Schnebel und einer Uraufführung  von Isabel Mundry. Der Liedkunst widmet  sich die Internationale Hugo-Wolf-Akademie im  Turm-Konzertsaal der Musikhochschule beim  Preisträgerkonzert am Ende des viertägigen Wettbewerbs  (23. 9.). Beim Liedkonzert im Lüster-Foyer  der Stuttgarter Oper (1. 10.) gibt die Sopranistin  Marlis Petersen, begleitet von Stephan Matthias  Lademann am Klavier, ihr hiesiges Debüt.     

Als Georg Friedrich Händel sein Oratorium »Messiah  « 1742 in Dublin uraufführte, hatte Johann  Sebastian Bach mit seinen großen Passionen und  den in den 1730er Jahren in Leipzig komponierten  Kantaten des Weihnachtsoratoriums seine bis  heute populärsten Chorwerke schon geschaffen.  Seit seinem Amtsantritt als künstlerischer Leiter  der Internationalen Bachakademie verändert  Hans-Christoph Rademann den von Helmuth Rilling  geprägten Stuttgarter Bachstil konsequent im  Sinne einer historischen Klangrede, mit einem  barock instrumentierten Orchester und einem  intensiv auf Affekt und Artikulation geschulten  Chor, deren gemeinsamer Name Gaechinger Cantorey  schon in seiner Schreibweise den Bezug zum  18. Jahrhundert herstellt. Rademanns Klangvorstellungen  von Bach gelten in gewisser Weise auch  für Händel und dessen Oratorien, von denen er  schon 2013 »Israel in Egypt« und zum Abschluss  des letztjährigen Musikfests »Belshazzar« musiziert  hat. Wobei sich ihm in diesen theatralischen  Musikdramen mit Stoffen aus dem Alten Testament  auch ungeheuer dramatische Momente eröffnen,  die Rademann ganz offensichtlich genießt.  Seine erneute Beschäftigung mit Händels »Messiah  « (6. 10.) im Beethoven-Saal der Liederhalle  wird nach den Bachakademie-Aufführungen 2014  in der Liederhalle – entsprechend der von Charles  Jennens‘ Libretto inspirierten Musik Händels –  mehr die Spiritualität dieses großartigen Oratoriums  ins Zentrum rücken. Wieder singt die wunderbare  Robin Johannsen die Sopranpartie: Ihre  Arie »I know that my Redeemer liveth – Ich weiß,  dass mein Erlöser lebt« wird gewiss ein Höhepunkt  dieses Konzerts.

 

 

Dietholf Zerweck   

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