Mai 2019

Liebe, Streit und Who’s who?

4 Inszenierungen an 3 Häusern zeigen Stücke von und über William Shakespeare

Über William Shakespeare wissen wir wenig. Wir kennen nicht einmal sein Geburtsdatum. Getauft wurde er am 26. April 1564 in Stratford-upon-Avon. Gestorben ist er ebenda 52 Jahre später. Diese Unwissenheit hält uns allerdings nicht davon ab, jedes Jahr rund sechstausend Publikationen über ihn zu veröffentlichen. Ja, richtig gelesen: Sechstausend Studien und Bücher über Shakespeare erscheinen pro Jahr. Ob in all diesen Schriften wirklich immer etwas Neues steht oder ob nach der Devise »es ist schon alles gesagt, nur nicht von mir« verfahren wird, können Sie bei Gelegenheit ja gerne selbst nachlesen.

Wer sich in der Zeit jedoch lieber an den Werken des Dichters erfreuen will, geht ins Theater. In Stuttgart bieten sich derzeit mannigfaltige  Möglichkeiten, Shakespeare-Stoffe zu sehen. So spielt das Theater Tri-Bühne »Verona oder Was geschah nach Romeo und Julia« und »Was ihr wollt«, während im Alten Schauspielhaus »Wie es euch gefällt« und im Schauspielhaus »Othello« Premiere feiern.

Wobei es da ja schon wieder losgeht: Entsprangen die Stücke denn wirklich allesamt  Shakespeares Feder? Man geht davon aus, dass dieser eine Lateinschule, jedoch nie eine Universität besucht hat. Die einen behaupten deshalb, seine Bildung sei nicht umfangreich genug gewesen, um all diese Werke selbst zu verfassen – bei William Shakespeare handle es sich eher um eine Art Sammelpseudonym. Die anderen weisen darauf hin, dass Schüler solcher Einrichtungen das Ausdrucksvermögen heutiger Universitätsabsolventen gehabt hätten. (Die konnten freitags halt noch zur Schule gehen und ordentlich was lernen, weil die Alten den Planeten noch nicht allzu sehr demoliert hatten.)

Bei »Verona oder Was geschah nach Romeo und Julia« stellt sich die Frage nach der Urheberschaft indes nicht. Im Stück von Victoria  Baumgartner ist Shakespeare nämlich selbst Protagonist. Er und sein Begleiter Richard Burbage geraten ins umkämpfte Verona, wo eine Familienfehde tobt und bald auch die beiden Freunde mit ins Geschehen reißt. Wenn man über den historischen Autor schon nichts mehr in Erfahrung bringen kann, darf man wohl wenigstens den fiktiven Shakespeare mithilfe der Phantasie in die von ihm geschaffenen Welten stecken und schauen, was passiert.

Ebenfalls an der Tri-Bühne wird »Was ihr wollt« gegeben. Was sich darin abspielt, würde man heute mit dem beliebten Facebook-Beziehungsstatus »es ist kompliziert« beschreiben: Viola verkleidet sich als Mann, um für Herzog Orsino zu arbeiten, in den sie sich bald verguckt. Der Herzog jedoch liebt Gräfin Olivia, welche wiederum Gefallen an der Scheinidentität Violas findet.

Zu Shakespeares Zeiten war dieses Beziehungswirrwarr auch deshalb komisch, weil es keine weiblichen Darstellerinnen gab. Alle Figuren wurden von Männern gespielt. So hatte man im Globe Theater immerhin ein bisschen was zu lachen, es war nämlich noch nicht alles so schön wie heute: Die armen Teufel, die sich keine Karten für die Ränge leisten konnten, standen zusammengepfercht vor der Bühne und wurden »Penny-Stinkers« gerufen – weil sie aufgrund mangelnder Hygiene nur mittelprächtig rochen. Sie bewarfen die Schauspieler bei Missfallen gern auch mal mit Essen oder Schlimmerem. In der Tri-Bühne kann man indes unter wesentlich angenehmeren Bedingungen die Inszenierung von Edith Koerber erleben.

Auch im Alten Schauspielhaus kommt es bei »Wie es euch gefällt«, der Regiearbeit des Ex-Intendanten Carl Philip von Maldeghem, zu Rollenwechseln: Rosalinde, die Tochter des vom eigenen Bruder entmachteten Herzogs Senior, hat sich auf der Flucht als Mann verkleidet. Sie trifft auf Orlando, der ebenfalls vor seinem Bruder flieht und in Rosalinde verliebt ist. Dumm nur, dass er sie nicht erkennt. Für solche Maskeraden hatte der gute alte William einfach ein Faible. Womöglich hätte es ihm also gefallen, dass man sich heute auch über seine Identität nicht so ganz einig ist.

Bleibt noch »Othello« im Schauspielhaus. Die Inszenierung ist Chefsache: Burkhard C. Kosminski nimmt sich der Tragödie an, in der der »Mohr von Venedig«, so der nicht mehr zeitgemäße Untertitel des Stücks, und seine Geliebte Desdemona zum Spielball des Widersachers Jago werden. Dieser vom Feldherrn Othello bei einer Beförderung übergangene, skrupellose Fähnrich ist der eigentliche Protagonist und zugleich einer der faszinierendsten Bösewichte der Weltliteratur. Auch weil er rätseln lässt: Was treibt diesen Mann an? Kränkung? Rassismus? Langeweile?

In Jago lässt sich aber auch das Alter Ego eines Schriftstellers erkennen: Er glaubt, alle Figuren in der Hand zu haben, sie nach Lust und Laune manipulieren und für seine Zwecke einsetzen zu können. Wie Shakespeare. Der uns ja noch heute ebenfalls das ein oder andere Rätsel aufgibt.

Cornelius W. M. Oettle                                                                                                                

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