Juli 2019

Kommunikativ und neugierig

Matthias Foremny verabschiedet und Thomas Zehetmair kommt zum Stuttgarter Kammerorchester

Eines fällt in Konzerten mit Matthias Foremny sofort auf: Der 47-jährige Dirigent liebt es, mit dem Publikum zu kommunizieren. Manchmal geschieht dies indirekt, auf körperlicher Ebene; ein Blick zurück über die Schulter, eine offene Körpersprache, die die Menschen einlädt. Genauso gerne spricht Foremny aber tatsächlich, erläutert die Stücke, vor allem wenn es sich dabei um Raritäten oder um zeitgenössische Kompositionen handelt.

Vor sechs Jahren hat der in Münster geborene Musiker, der in Detmold und Wien ausgebildet wurde, das Amt des Chefdirigenten des Stuttgarter Kammerorchesters angetreten. Viel hat er in dieser Zeit verändert, vor allem die Atmosphäre hat sich nach den zuletzt immer deutlicher wahrzunehmenden Reibungen des Orchesters mit seinem Vorgänger Michael Hofstetter deutlich entspannt. Auch dabei war dem stets sympathisch, ja herzlich wirkenden Foremny seine kommunikative Ader sicher von Nutzen. Manche langjährigen Kenner des SKO sprechen gar von einer Befreiung, die in den Reihen der Orchestermusiker empfunden worden sei.

Diese Befreiung hat der Dirigent auch in der Musizierhaltung erlebbar gemacht. Während sein Vorgänger das Stuttgarter Kammerorchester – mit mäßigem Erfolg – in Richtung historische Aufführungspraxis gedrängt hat, hat Foremny eher auf stilistische Flexibilität gesetzt, hat den Klang des Orchesters geöffnet, geweitet, auch größer gemacht. Das hat dem SKO spürbar gutgetan, insbesondere in Standardwerken der Romantik und der frühen Moderne. Manchmal ging dieses entspannte Musizieren aber auch zu Lasten der Prägnanz, gerade wenn Werke Haydns oder Mozarts auf dem Programm standen, die man sich heutzutage sicherlich rhetorisch durchgeformter vorstellt.

Im Gegenzug hat Matthias Foremny viel dafür getan, das Repertoire des Kammerorchesters zu erweitern. Mit großer Leidenschaft hat er dem Publikum Zeitgenössisches nahegebracht. Da trafen Stücke von Brett Dean oder Arvo Pärt auf Kompositionen von Haydn und Mozart, Moritz Eggert wurde mit Modest Mussorgsky kombiniert. Nicht immer folgen Foremnys Programme einer zwingenden Dramaturgen-Logik mit intellektuellen Verzweigungen. Sein Ansatz ist eher, interessante und randständige Stücke mit Bekanntem zu kombinieren, um so für die Ausführenden wie für das Publikum eine Erweiterung zu betreiben und dabei auf Flexibilität und geistige Beweglichkeit zu setzen.

Diese Neugierde lässt Foremny jedem einzelnen Werk zuteil werden. In manchen Konzerten hat man den Eindruck, dass der Dirigent und seine Musiker im Moment des Spiels auf einer großen Entdeckungstour sind, die mit einem kollektiven Staunen über die Besonderheiten der Stücke einhergeht. Auch diese »Aha-Momente«, dieses immer neue Entdecken und Erforschen von scheinbar Altbekanntem, vermittelt sich vom Podium auf die Ränge. Notwendig war diese grundständige Musizier- Arbeit auch, weil das Orchester in Foremnys Zeit eine deutliche Verjüngung erlebt hat und viele neue Musiker dazugekommen sind. Foremny hat daraus ein homogenes, leistungs fähiges Ensemble geformt, das nicht nur in Stuttgart eine gute Figur macht: Die Vorschau auf die kommende Saison zeigt zahlreiche nationale und internationale Gastspiele. Seinem Nach folger Thomas Zehetmair hinterlässt Foremny also eine Marke.

Im September wird dann Zehetmair mit den ersten beiden Konzerten, in denen er als Kammermusiker (22. September) und als Dirigent und Solist (29. September) in Erscheinung treten wird, zeigen, wohin die Reise des SKO künftig gehen wird. Die Kombination aus Rebels »Les Eléments« und Ligetis »Ramifications« verspricht spannend zu werden.

 

Markus Dippold

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