November 2018

Komik der Kontrabass-Kästen

Mit »Don Pasquale« und »Il barbiere di Siviglia« kommen zwei Wiederaufnahmen, die nicht nur komisch sind

Ein neuer Intendant hat naturgemäß den Ehrgeiz, so schnell wie möglich durch Neuinszenierungen seine Handschrift zu etablieren, seine Konzeption zu markieren. Aber ein großes Haus, das nicht, wie in manchen Ländern, en suite spielt, sondern ein Repertoire bereitstellt, kommt nicht umhin, auf Produktionen der vorausgegangenen Spielzeiten zurückzugreifen. Das muss kein Nachteil sein. Es sorgt, über Wechsel in der Leitung hinweg, für Kontinuität und wirkt dem allzu raschen Vergessen entgegen.

Viktor Schoner hat unter anderem zwei hoch gelobte Inszenierungen aus dem Kernbestand der Opera buffa, der komischen Oper, zur Wiederaufnahme vorgesehen: Donizettis »Don Pasquale« in der Regie von Jossi Wieler und Sergio Morabito aus der ersten Jahreshälfte und Rossinis »Barbier von Sevilla« in der 25 Jahre alten Regie von Beat Fäh. Manfred Brauneck hat kürzlich in einem Buch das Verständnis von Theater als »moralische Anstalt« und das Festhalten an der Vorstellung, »dass das Theater eine Institution sei, die wesentlich zur nationalen Identität gehöre und Deutschland letztlich als Kulturnation ausweist«, für den heimischen Sonderweg verantwortlich gemacht. Diese Tradition setzt die Zuständigen für das Komische unter Rechtfertigungsdruck. Humor wird allzu pauschal mit dem Beiwort »seicht« versehen. Dabei gibt es offenkundig ein elementares Bedürfnis nach Anlässen, die zum Lachen reizen.

Auf der Bühne zeugen Autoren von Aristophanes bis Shakespeare, von Molière bis Dario Fo und szenische Formen vom Kasperletheater bis zur Clownerie, vom Schwank über das Kabarett bis eben zur Opera buffa davon.

Jossi Wieler und Sergio Morabito bauen nicht in erster Linie auf Komik

Jossi Wieler und Sergio Morabito wären freilich nicht, die sie sind, wenn sie bei ihrem »Don Pasquale « in erster Linie auf Komik bauten. Im Programmheft der Stuttgarter Oper schreibt Giorgio Pagannone: »›Don Pasquale‹ ist eine nüchterne, desillusionierte, gnadenlose Reflexion über das Alter und den Konflikt zwischen den Generationen. « Diese Interpretation macht sich die Regie zu eigen, sie bestimmt die Besetzung, die Kostüme, die Abläufe. Worin besteht die Verfehlung des Titelhelden? Darin, dass er als Alter heiraten und seinen Neffen enterben will, weil der nicht das von ihm ausgewählte Mädchen heiraten möchte. Wieler und Morabito machen es sich denn auch nicht leicht mit der Verspottung des Don Pasquale, den sie aus der Welt der Commedia dell‘arte in unsere Gegenwart transferieren. Am Schluss, wenn dem gefoppten Alten das Gnadenbrot gereicht wird, wirft dieser es zornig von sich. Auch er hat Anrecht auf Würde.

Die Lächerlichkeit der großspurigen Alten ist auch im »Barbier von Sevilla« ein auffälliges Motiv. Im Zentrum aber stehen der Graf Almaviva und sein Barbier Figaro, die wir aus der »Hochzeit des Figaro« kennen. Rossini liefert dreißig Jahre nach Mozarts Meisterwerk die Vorgeschichte nach. Zum Lachen gibt es da nicht wenig. Hauptverantwortlich dafür sind in Stuttgart nicht Personen, sondern Kontrabass-Kästen. Auf der Bühne führen die Dinge ein Eigenleben. Aber keine Angst: gesungen wird trotzdem.

Thomas Rothschild

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