Oktober 2020

Kleines Ensemble, großer Charme

In Stuttgart sind derzeit mannigfaltige Ein- und Zwei-Personen-Stücke zu sehen

Solo auf der Bühne – für Lampenfiebrige ist das ein wiederkehrender Alp-, für manche Schauspielerin und manchen Schauspieler indes ein langersehnter Traum. So erhalten sie die volle Aufmerksamkeit des Publikums, ziehen sämtliche Blicke zu jeder Sekunde auf sich und müssen den Applaus mit niemandem teilen. Läuft’s gut, ist’s ein fantastisches Gefühl. Läuft’s schlecht, naja, dann eben eine wertvolle Erfahrung.

Während einer Pandemie bieten sich Ein- oder Zwei-Personen-Stücke an: Auf den Brettern ist nämlich eh alles untersagt, was mit mehreren Personen Spaß macht. Man darf sich nicht umarmen oder küssen. Berühren nur mit Handschuhen. Generell anderthalb Meter Abstand wahren. Beim Singen und lauten Sprechen sogar noch mehr. Und Tanzeinlagen sind meistens nur mit Mund-Nasen-Schutz zulässig. Leicht nachvollziehbar, dass einige Theater da lieber von Anfang an auf Nummer Sicher gehen.

Auf Stuttgarts Spielplänen finden sich derzeit entsprechend viele Stücke dieser Art. Im Alten Schauspielhaus sind es die Duodarbietungen »Heilig Abend«, »Love Letters« und »Heute Abend: Lola Blau«. Im Forum Theater führt Martina Guse »Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe«, im Studio Theater mimt Lesley Higl »Die Frau, die gegen Türen rannte«.

Außerdem zeigt das Theater am Olgaeck »Winnetou « und beantwortet die Frage »Welche Droge passt zu mir«, während das Theater der Altstadt »Eins und eins – macht zwei« rechnet und die Tri-Bühne fragt: »Wer hat Angst vor Bernie Madoff?« Alle Stücke eint: Mehr als zwei Personen finden sich nicht auf der Bühne.

Die Qualität einer Inszenierung steigt aber ohnehin nicht mit dem eingesetzten Personal. Denkt man nicht gelegentlich am Ende eines Theaterabends: »War eigentlich schön, aber auf den einen da hätte ich verzichten können!« Kleine Ensembles können großen Charme haben und große Ensembles sorgen mitunter nur für kleines Amüsement.

Im Grunde beginnt die Schauspielkunst sowieso erst dort, wo es mehrere Figuren so zu gestalten gilt, dass der Eindruck entsteht, deren Geister ergriffen abwechselnd Besitz von den Darstellenden. Das weiß, wer beispielsweise Edgar Selge in »Iphigenie auf Tauris« am Stuttgarter Schauspielhaus dabei zusah, wie er sämtliche Charaktere bis auf Iphigenie (die spielte Franziska Walser) äußerst glaubhaft verkörperte – selbst dann, wenn die sich auch noch miteinander unterhielten.

Per se sind Mono- und Duodramen aber freilich keine Notfallwerke für Ausnahmesituationen, sondern waren auch in präpandemischen Zeiten gefragt. Edward Albees »Zoogeschichte« oder Samuel Becketts »Das letzte Band« brauchen nur ganz wenig, um ganz viel zu erzählen. Und sie können sehr wohl zu populären Dauerbrennern avancieren: Man denke etwa an Rob Beckers »Caveman«. Oder Patrick Süskinds »Der Kontrabass«, der in Stuttgart so oft von Ernst Konarek gespielt wurde. Über das Stück schreibt der Autor: »Es geht darin um das Dasein eines Mannes in seinem kleinen Zimmer. Ich konnte bei der Abfassung insofern auf eigene Erfahrung zurückgreifen, als auch ich den größten Teil meines Lebens in immer kleiner werdenden Zimmern verbringe, die zu verlassen mir immer schwerer fällt.« Dies weist auch auf die Stärke der Ein-Personen-Stücke hin: Während achtköpfige Ensembles möglicherweise Beziehungen und gesellschaftliche Verflechtungen besser abzubilden vermögen, dringen Monodramen tiefer in das Individuum, in unsere Gedanken vor. Mit denen wir dann (auch dank der neuen Abstände im Publikum) ganz für uns allein sein können. So verraten Ein-Personen-Stücke uns vielleicht weniger über die anderen, aber mehr über uns selbst.

In seinen Ausführungen zu den kleiner werdenden Kämmerlein schreibt Süskind übrigens auch noch: »Ich hoffe aber, eines Tages ein Zimmer zu finden, das so klein ist und mich so eng umschließt, dass es sich beim Verlassen von selbst mitnimmt.« Immerhin das kann einem derzeit im Theater nicht passieren: Eng ist es dort unter den gegebenen Auflagen ja keineswegs.

Cornelius W. M. Oettle

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