September 2019

Junge Wilde, alte Hasen

Deutschlandweit einzigartig: Das Kunst-Abo der Kulturgemeinschaft feiert sein dreißigjähriges Jubiläum

»Statt Bild am Sonntag – Bilder am Sonntag«. So lautete der Titel der ersten Kunstführung, die die Kulturgemeinschaft 1979 anbot. Sie führte zum berühmten Herrenberger Altar des Dürerzeitgenossen Jerg Ratgeb und war die Initialzündung für etwas, das bundesweit nach wie vor einzigartig ist: das Kunst-Abo der Kulturgemeinschaft. Zehn Jahre später, am1. Januar 1990, ging es dann unter dem damaligen Geschäftsführer Wolfgang Milow richtig los mit dem Kunst-Abo. Neben den bereits bestehenden Abonnements für Theater, Oper, Ballett und Konzert wollte die Kulturgemeinschaft Stuttgart ein breiteres Publikum für die bildende Kunst interessieren und sie regelmäßig in Museen und Galerien locken. Die Resonanz auf den Modellversuch, der sogar in die Kunstkonzeption des damaligen Ministerpräsidenten Lothar Späth einfloss, war enorm. Die Kunst-AbonnentInnen besuchten Adriani-Ausstellungen in Tübingen, die Max-Beckmann-Retrospektive in der Stuttgarter Staatsgalerie, Wandtafelzeichnungen Rudolf Steiners im Württembergischen Kunstverein oder die Sammlung des Schraubenhändlers Würth in Künzelsau.

In den Folgejahren baute die Kulturgemeinschaft den Kunstbereich immer weiter aus, auch Kunsttage und Kunstreisen kamen ins Programm. »Waren es anfangs 35 Veranstaltungen pro Saison, bieten wir heute rund dreihundert Termine an, die bestens ausgelastet sind«, resümiert Michael Wenger. Seit zweieinhalb Jahren verantwortet er das Kunstbüro und ist dort für das Kunst-Abo zuständig. An Bord ist er indes schon viel länger. Er konzipiert und führt bereits seit 1998 zu Architektur und Baugeschichte. »Der Zuspruch ist enorm!« Wenger beschreibt, wie er der besseren Übersichtlichkeit halber 2017 das Programm in drei Bereiche gliederte: Themenführungen, Bau-Geschichte(n) und Ausstellungsführungen.

Das Spektrum reicht diese Saison von»500 Jahre Vertreibung Herzog Ulrichs« am Schauplatz Schorndorf, »Wilhelmine von Grävenitz« und »Mensch bin ich hysterisch«, einem Rundgang zu Expressionismus in der Staatsgalerie, über »Kunst im Landtag«, Hotel Silber, Schloss Monrepos, Maria Regina in Fellbach und Südkirche Esslingen bis hin zu Galeriebesuchen oder Museumsschauen wie »Kleider machen Orte« im IFA oder »Kaiser und Sultan« in Karlsruhe.

»Das Publikum ist breit interessiert «, erläutert er. »Wir versuchen zu besonderen Orten zukommen –im Rahmen dessen, was möglich ist gemäß den Vorgaben und Öffnungszeiten von Museen, Schlössern, Kirchen oder Stiftungen.« Mitunter ein herausfordernder Jonglage-Akt angesichts von rund fünfzig Kooperationspartnern. Wenger wirbt denn auch für Verständnis, wenn die Plätze mancher Führung schnell ausgebucht sind. »Manche Sehenswürdigkeiten können wir nur mit einer bestimmten Anzahl Personen besuchen. Wir bemühen uns, Zusatztermine zu vereinbaren.« Zuerst haben die Kunst-AbonnentInnen die Wahl, ab November sind die Kunst- Abo-Termine für alle Mitglieder offen, die so ebenfalls »hineinschnuppern« und die verschiedenen Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker erleben können. »Sie sind ein toller Mix aus jungen Wilden und alten Hasen, die kreative Ideen und spannende Kontakte haben«, lobt Wenger sein Team. »So können wir immer wieder ungewöhnliche Themen aufgreifen oder neue Perspektiven von scheinbar Bekanntem zeigen.« Das Kunst-Abo sei daher so frisch wie vor dreißig Jahren. »Weil man sich auf die Qualität und Planbarkeit verlassen kann.«

Zum Jubiläum hat sich Wenger denn auch einiges einfallen lassen, etwa ein Kunst-Quiz, bei dem Führungen mit den »alten Hasen« zu gewinnen sind. Und freilich hat er auch besondere Veranstaltungen geplant. Welche? Wengert schmunzelt: »Überraschen lassen!«

Petra Mostbacher-Dix

 

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