Februar 2019

»Ich sauf mich lila mit Tequila«

»Charleys Tante« als Operette: Die Kammeroper München zu Gast 

Wer noch Heinz Rühmann kennt, hat am ehesten diese Szene in Erinnerung: Mit Pumps, Kleid und Federschmuck im Haar schlug der Komiker die Saiten der Gitarre und sang mit verstellter Stimme von seinem »Heimatland Brasilien«; da »platzt jeder Mann vor Temperament«, drum ziehe es ihn auch dorthin, »wo Leidenschaft wie Feuer brennt«. Die Szene war der komödiantische Höhepunkt der Verfilmung von »Charleys Tante«. Rühmann verkleidete sich als ältliche Madame, um junge Liebende bei einem Techtelmechtel nicht in Schwierigkeiten zu bringen. Die prüden viktorianischen Moralvorstellungen, die um 1900 in England herrschten, erforderten eben Täuschungsmanöver. Die kannte man auch im Deutschland der fünfziger Jahre noch allzu gut, in jener Zeit also, als der Film gedreht wurde.

Dem englischen Dramatiker Brandon Thomas gelang mit seiner Verwechslungskomödie »Charleys Tante« 1892 ein riesiger Erfolg. Deshalb hat sich auch die Kammeroper München den Stoff vorgenommen, aber eine Operette daraus gemacht, für die der Regisseur und Autor Dominik Wilgenbus Instrumentalstücke von Ernst Fischer aus den dreißiger bis fünfziger Jahren verwendet und vertextet hat. Seine kurzweilige Inszenierung ist bereits mehrere Jahre auf Tournee und macht nun am 11. und 12. Februar auch Station in der Schwabenlandhalle Fellbach.

Die Handlung ist schnell erzählt: Der Student Charley will seiner Amy einen Heiratsantrag machen, kann sie aber nur im Beisein einer Anstandsdame treffen. Deshalb überredet er kurzerhand seinen Freund Lord Babberley, in Frauenkleidung zu schlüpfen. Der mimt die reiche Witwe aus Brasilien allerdings so überzeugend, dass sich prompt ältere Herren wohlig erregt um sie beziehungsweise ihn scharen. Die Gefühlsverwirrungen spitzen sich derartig zum Chaos zu, dass sich Charleys falsche Tante im Rausch des Rollentausches zuletzt sogar mit Lord Stephen Spettigue im Schottenrock verloben will.

»So erfrischend komisch, dass man sich garantiert drei Tage lang die Lach-Yoga-Übungen spart.«

So suchen acht Personen, jung wie alt, auf der Bühne der Schwabenlandhalle ihr Glück. Die musikalischen Arrangements werden vom 14-köpfigen Salonorchester der Kammeroper München gespielt, wobei es auch ungewöhnliche Einlagen gibt wie ein Marimbaphon-Solo. Das Ergebnis sei »derart komisch, dass man sich garantiert drei Tage lang die Lach-Yoga-Übungen spart«, meinte eine Kritikerin. Und auch andere Rezensenten waren sich einig, dass das etwas angestaubte Travestie-Stück in der Münchner Fassung erfrischend daherkomme, vor allem, weil Maximilian Nowka die falsche Tante im Fummel ohne alle Peinlichkeiten und ohne allzu albernes Getue über die Rampe bringe.

Knapp drei Stunden lang serviert die Kammeroper München überdrehte Dialoge, Slapstick und akrobatische Tanznummern, bei denen es gern auch mal über Stühle geht. Es gibt Heiratsdurcheinander, zündende Couplets und Ensembles und Kalauer wie »Ich sauf mich lila mit Tequila«. Der Bühnenbildner Peter Engel hat auf die Bühne eine große Bücherwand gestellt mit Klassikern, aber auch allerhand amüsanten Buchtiteln, an den Seiten hängen Karten von Brasilien und Indien, die das passende Ambiente bieten für diese Theaterreise ins viktorianische England. Auch die Kostüme von Uschi Haug orientieren sich an der Zeit, erlauben sich augenzwinkernd aber ein ironisches Spiel mit der Historie.

 

Adrienne Braun

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