November 2018

Gscheites Lachen

Kabarett ist nicht tot, sondern lebendiger denn je – und wird in Zeiten wie diesen immer dringender gebraucht

Das Renitenztheater und die Kulturgemeinschaft Stuttgart legen ein neues Abo auf, den »Renitenzgipfel«. Aus diesem Anlass führt KULTUR ein Gespräch mit Sebastian Weingarten, dem Intendanten des Renitenztheaters. Die Fragen stellte Cornelius W. M. Oettle

 Herr Weingarten, warum Kabarett?

Ich habe mal gesagt: Kabarett bedeutet Freiheit. Dazu stehe ich nach wie vor. Auch weil es so vieles zulässt: Musik, Comedy, Tragödie, Komödie, Parodie, Travestie und so weiter – wir können auf alle Genres zugreifen. Natürlich kommt man aber vor allem, um zu lachen. Um sich mit einer gewissen Schadenfreude lustig zu machen über das, was oben auf der Bühne persifliert wird. Und wenn man dann auch noch »gscheit« lachen kann, ist es umso besser. Und gesund! Eckart von Hirschhausen hat ja die Stiftung »Humor hilft Heilen« gegründet, weil es Heileffekte durch Lachen gibt. Das ist doch großartig.

 Dabei handelt es sich um Shows, die die Vielfalt des Kabaretts zeigen. Bei der »Froggy Night« treten verschiedene Künstler auf, zudem gibt es immer einen prominenten Talk-Gast, mit dem sich Thomas Fröschle unterhält. Fröschle dürfte den meisten als Magier unter dem Namen »Topas« bekannt sein. Nach der Pause wird dann gezaubert.

Und bei der Kabarett-Bundesliga wird gekickt?

Nein! Hier treten bundesweit insgesamt vierzehn Kabarettisten gegeneinander an. Am Ende des Abends entscheidet das Publikum, wer ihm besser gefällt. Wer am Ende der Saison die meisten Punkte erhält, wird Kabarettmeister. Ein Programm, das bei den Zuschauern sehr beliebt ist und auch jüngeren, talentierten Künstlern die Chance bietet, auf renommierten Bühnen zu spielen.

Junge Künstler gibt’s en masse – aber fehlen dem Kabarett junge Zuschauer?

Wenn junge Menschen der Kunst nicht zugeführt werden – wie sollen sie sich dann für Kunst interessieren? Als ich in der Schule war, mussten wir ins »Kom(m)ödchen« nach Düsseldorf, um ein politisches Kabarettprogramm zu sehen. Das war’s dann aber auch. Abgesehen davon: Das Kabarettpublikum war schon immer eher Mitte dreißig und aufwärts.

Die Kunstform stirbt also nicht aus?

Im Gegenteil! Schon in den 1970ern hieß es: »Kabarett ist tot«. Dieser Satz verfolgt mich, seit ich das Kabarett kenne. Es ist aber nicht tot, sondern lebendiger denn je.

Die Politik liefert derzeit ja auch genügend Gesprächsthemen.

Eben. Und unser Schwerpunkt ist nach wie vor das politische Kabarett. HG Butzko, der ebenfalls im Renitenz-Abo der Kulturgemeinschaft vertreten ist, ist zum Beispiel ein großartiger politischer Kabarettist.

Der vierte Teil des Abos ist die neue Hausproduktion »Wohin mit Stuttgart?«, die am 21. März Premiere feiert. Worum geht’s da?

In diesem Stück rast ein Komet auf die Erde zu – und zwar genau auf Stuttgart. Die Badener schließen die Grenzen, die Schwaben sind plötzlich Flüchtlinge. Und was passiert mit den Großkonzernen hier, mit den Global Playern? Mir ist es wichtig, als Kontrast zum klassischen Nummernkabarett hin und wieder auch mal eine Geschichte zu erzählen.

Wie wirken sich die jüngsten politischen Entwicklungen auf die Szene aus?

Alles, wofür man früher gekämpft hat, steht plötzlich in Frage. Die Toleranz, die Liberalität, die Werte, die wir uns gesetzt haben. Was haben wir gerade auch für Deppen in den Regierungen überall! Man hat das Gefühl, zehn Schritte zurückzugehen. Dagegen sprechen sich etliche Kabarettisten aus. Und da verläuft auch die Grenze zwischen Kabarett und Comedy: Ein Kabarettist hat eine Haltung, für die er einsteht.

Das kann einen aber natürlich auch in Schwierigkeiten bringen.

Wie das?

Ich bemerke zum Beispiel, dass sich manche Künstler im Rahmen der jährlich bei uns stattfindenden Deutsch-Türkischen Kabarettwoche ein wenig zurücknehmen. Weil einige Kollegen vor ein paar Jahren Probleme mit der türkischen Regierung bekommen haben, nachdem sie sich offen gegen Erdogan positioniert hatten. Darunter war auch Deniz Yücel, der später bekanntlich inhaftiert wurde. Da hat sich also schon etwas verändert. Es gab auch Zeiten, in denen sich so gut wie niemand über Kabarett aufgeregt hat.

Aus diesen Zeiten rührt das Vorurteil, Künstler und Publikum bestätigten sich ja eh nur gegenseitig.

Ja, aber das wollen wir auch. Man will Leute auf der Bühne sehen, die das Gleiche denken wie man selbst. Das gehört dazu. Toll ist es natürlich, wenn es einem Kabarettisten gelingt, uns dazu zu bringen, eine neue Perspektive einzunehmen. Da fängt dann die ganz hohe Kunst an.

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