Februar 2018

Die Kunst des Mordens

Zweimal Shakespeare: »Richard III.« mit Max Tidof und »König Lear« von Claus Peymann

Bei Shakespeare, dem vierhundert Jahre nach seiner Lebenszeit immer noch meistgespielten Dramatiker der Weltliteratur, wird viel und variantenreich gemordet. Macbeth leidet dabei unter den Gewissensqualen, die ihn bis in den Schlaf verfolgen, Othello tut es aus Eifersucht, Titus Andronicus aus Rache, die Verschwörer gegen Julius Caesar handeln aus politischen Motiven und Hamlet kommt nur deshalb nicht so recht dazu, weil ihn Zweifel an der Natur des Auftrags an der Ausführung der Tat hindern. Nur einer mordet kaltblütig und ausschließlich aus Machtgier: Richard III. Im Extremismus seiner Tötungslust, in seiner Einheit von intellektueller und sprachlicher Überlegenheit und moralischer Skrupellosigkeit liegt auch seine Faszination, nicht nur für Lady Anne, die ihn, den Mörder ihres Mannes, heiratet, sondern darüber hinaus fürs Publikum. Sie ist einer der Gründe, warum die größten Stars der Schauspielkunst sich danach drängen, diese Rolle zu spielen. Wenn sie dann älter werden, ist es eine andere Shakespeare-Figur, nach der Schauspieler lechzen: König Lear. Anders als Richard aber ist er nicht Täter, sondern Opfer. Und dass seine ärgsten Feinde zwei seiner drei Töchter sind, dass sich diese in ihrem Zynismus und ihrer Grausamkeit kaum von Richard III. unterscheiden, passt nicht in jene aktuelle Ideologie, die suggeriert, das Böse verdanke sich dem Patriarchat und wäre aus der Welt geschafft, wenn Frauen an der Macht wären. Aber schon Margaret, die Witwe Heinrichs VI., die in »Richard III.« als Prophetin und Opfer auftritt, war in der Vorgeschichte nicht nur Kriegstreiberin, sondern auch Mörderin. Shakespeare ist nicht gendergerecht. Immerhin steht in »König Lear« den Töchtern Goneril und Regan, die mit Richard III. der Hang zu Heuchelei verbindet, die ehrliche und gütige Cordelia gegenüber, und in der Parallelhandlung, der Intrige gegen Gloucester, ist es der illegitime Sohn Edmund, ein Mann also, der sich dem Vater und dem Bruder gegenüber als unbarmherzig erweist. Richard III. ist ein Schurke der Tat, aber er ist nicht minder ein Schurke des Wortes, und insofern Theater auch Sprachkunst ist – was heute, im Umfeld von Postdramatik und Performance gelegentlich in Frage gestellt wird – , liegt das Vergnügen, das es bereitet, in Formulierungen und ihrer Bindung an das Spiel. Eine der grandiosesten Szenen in »Richard III.« ist jene, in der sich der Titelheld, mit dem Gebetbuch in der Hand wie ein paar Jahrzehnte später Tartuffe, zum Schein dagegen sträubt, die Krone anzunehmen. Die Doppelzüngigkeit ist sowohl in »Richard III.« wie in »König Lear« ein zumindest ebenso erhebliches Motiv wie die Mordbereitschaft, und es verweist wie kaum eins auf unsere Gegenwart. Mord erscheint der Gesellschaft als das schlimmste aller Verbrechen. Für die Bühne aber gelten andere Regeln. »König Lear« demonstriert, dass eine Blendung unerträglicher wirkt als eine Tötung. Wer im Theater tot ist, kann allenfalls noch als Geist auftreten (und davon macht Shakespeare ausgiebig Gebrauch). Aber der geblendete Gloucester lebt weiter, und seine Tragik, bis hin zum Selbstmord, um den er von seinem Sohn Edgar betrogen wird, bewegt nicht weniger als der Wahnsinn, der Lear befällt. Lear steht eine bei Shakespeare geläufige Figur, ein Narr, zur Seite, in dem sich seine eigene Närrischkeit spiegelt. In »Richard III.« ist für einen Narren kein Platz. Richard hat auch keinen individuellen Gegenspieler wie Heinrich VI. in Edward oder Brutus in Mark Anton. Sein Gegenspieler ist die ganze Welt. Richmond, der ihn schließlich tötet, kommt erst spät, im 5. Akt, ins Spiel. Mehr noch als Lear steht Richard III. im Zentrum der Handlung. Max Tidof (Titelfoto) wird ihn demnächst im Alten Schauspielhaus verkörpern. »König Lear«, die mit Spannung erwartete Premiere am Staatstheater, wird wohl, wie immer die Inszenierung ausfallen mag, als theatergeschichtliches Ereignis gefeiert werden. Mit diesem Stück kehrt nicht nur Claus Peymann, der längst zum Mythos stilisierte, mittlerweile achtzigjährige Intendant der Jahre 1974 bis 1979 nach Stuttgart zurück, sondern auch einer seiner beliebtesten Protagonisten: Martin Schwab. Ein Wiedersehensfest also. Unter dem blutigen Banner von Tod und Verrat.

Thomas Rothschild

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