September 2020

Die Krise als Beschleuniger

Wie die Pandemie gesellschaftliche Trends verstärkt

Philosophie, so heißt es beim diesjährigen Jubilar Georg Wilhelm Friedrich Hegel, sei »ihre Zeit in Gedanken erfasst«. Was bedeutet das in Zeiten, in denen eine Krankheit namens Covid-19 seit einem halben Jahr die Schlagzeilen und das öffentliche wie private Leben beherrscht? Ruft dieser Ausnahmezustand nicht geradezu nach einer philosophischen Lagebeurteilung? Und tatsächlich, obwohl das Ende der Pandemie noch lange nicht absehbar ist, liegen die entsprechenden Bücher von Slavoj Žižek oder Bernard- Henri Lévy bereits in den Buchhandlungen.

 

Gestern Diesel, heute Elektro: das Zeitalter der Beschleunigung

 

Aber lässt sich nach so kurzer Zeit wirklich schon seriös etwas über die kurz- wie langfristigen Folgen sagen, die Covid-19 für unsere Gesellschaft haben wird? Denn ein anderer berühmter Satz von Hegel gibt zu bedenken, die Philosophie könne ein Ereignis erst aus der rückblickenden Distanz auf den Begriff bringen: Sie gleiche der Eule der Minerva, die ihren Flug erst mit der einbrechenden Dämmerung beginnt.

Wollte man jetzt schon eine Zwischenbilanz darüber ziehen, wie die Pandemie und die gegen sie ergriffenen politischen Maßnahmen unser Leben verändert haben, dann lassen sich die Beobachtungen zu folgender These zusammenfassen: Covid-19 hat Tendenzen verstärkt, die schon seit geraumer Zeit am Werk sind. Der Soziologe Hartmut Rosa hat die Moderne als Zeitalter der Beschleunigung gedeutet, in der Wissen, technische Fertigkeiten und soziale Gewissheiten immer schneller veralten. Brauchte es in der Vormoderne mehrere Generationen, bis sich Neuerungen durchsetzten, und in der klassischen Moderne immerhin eine Generation, so sind wir inzwischen gezwungen, uns alle paar Jahre auf ein neues Computerprogramm, ein neues Smartphone oder die neuesten Konsumund Lifestyletrends einzustellen. Während es noch vor einigen Jahrzehnten keine Seltenheit war, dass jemand von der Lehrlingszeit bis zur Rente im selben Betrieb beschäftigt war, so wissen inzwischen immer mehr Berufstätigte nicht, mit welchen Anforderungen sie in ein oder zwei Jahren rechnen müssen. Wer gestern ein Auto mit Diesel-Motor gekauft hat, muss sich heute sagen lassen, eines mit Elektro-Motor wäre besser gewesen. Dieses Auf-Sicht-Fahren hat die Pandemie verstärkt.

Auch die digitale Revolution, die seit knapp drei Jahrzehnten unser Leben verändert, hat in den vergangenen Monaten einen zusätzlichen Schub erhalten. Diejenigen, die in diesem Prozess schon bisher auf der Gewinnerseite standen wie etwa der Onlineversandhändler Amazon, haben von der Krise profitiert, während die klassischen Einzelhandelsgeschäfte weiter Marktanteile verloren haben. Gleiches gilt für das Verhältnis von Streaminganbietern wie Netflix zum herkömmlichen Innenstadtkino.

 

Könnte die Krise ein Wendepunkt werden?

 

Die »nivellierte Mittelstandsgesellschaft«, die nach Ansicht von Soziologen wie Helmut Schelsky im Nachkriegsdeutschland die alte Klassengesellschaft abgelöst haben soll, hat sich seit der neoliberalen Revolution der 1980er Jahre so ausdifferenziert, dass sich inzwischen, was Einkommen, Vermögen, Beschäftigungssicherheit, Bildungsniveau und Lebensstil angeht, eine Klassengesellschaft neuen Typs abzuzeichnen beginnt. Auch hier hat die Pandemie vorhandene Entwicklungen verstärkt. Die Generation der Baby- Boomer, also die zwischen 1945 und 1965 Geborenen, gehört zwar wegen ihres Alters in den Zeiten von Covid-19 gesundheitlich zur Risikogruppe, aber was ihren beruflichen und ökonomischen Status angeht, verfügt sie in den allermeisten Fällen über sichere und gute Renten und kann sich gelassen zurücklehnen. Ganz anders als die prekär Beschäftigten, die Soloselbständigen, die Kinder aus bildungsfernen Familien oder die jungen Schul- und Hochschulabsolventen, die unter erschwerten Bedingungen einen Einstieg ins Berufsleben finden müssen.

Die Weltgeschichte sei das Weltgericht, hat der eingangs zitierte Hegel, seinerseits Schiller zitierend, behauptet. Krisen können Wendepunkte darstellen, in denen die Geschichte eine neue Richtung einschlägt – oder sie können bereits vorhandene Tendenzen verstärken. Viele hoffen jetzt, dass unsere Gesellschaft nach der Corona-Pandemie solidarischer, ökologischer und nachhaltiger sein möge. Aber man muss auch mit der Möglichkeit rechnen, dass das von Hartmut Rosa konstatierte Beschleunigungsregime weitergeht und noch schneller als bisher alle Gewissheiten entwertet.

 

Rolf Spinnler

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