März 2018

Deutsche Sprache, schwere Sprache

Eine Uraufführung an der Tri-Bühne gibt lustigen Sprachunterricht mit ernsten Untertönen 

Gesucht wird ein Wort. Wenn man an der Kasse  im Supermarkt die eigene Ware von jener des  Vordermanns separieren möchte, gibt es da doch  ein bekanntes Utensil, das diesem Zwecke dienlich  ist. Wissen Sie, wie das heißt? »Warentrenner?«,  rät der unbedarfte Autor dieses Textes. »Kassentransportbandübersichtstrennholz  «, erklärt ihm  Edith Koerber, Mitgründerin und Intendantin des  Thea ters Tri-Bühne. Wieder was gelernt.  Ums Lernen geht es auch im neuen Stück »Warum,  warum?«, das Koerber selbst inszeniert und das im  März Premiere feiert. Genauer: ums Erlernen der  deutschen Sprache. Die hat es in sich, wie bereits  Mark Twain in seinem Essay »The Awful German  Language« respektive »Die Schrecken der deutschen  Sprache« festhielt: »Man treibt darin umher  wie in einem brandenden Meer, bald hierhin, bald  dorthin, in der elendesten Hilflosigkeit, und wenn  man einmal glaubt, eine Regel gefunden zu haben,  welche festen Grund bietet, um einen Augenblick  in dem allgemeinen Wirrwarr und Tumult der  zehn Redeteile auszuruhen, so vernimmt man in  der Grammatik: ›Der Schüler gebe acht auf folgende  Ausnahmen.‹ Ein Blick auf diese zeigt ihm, dass  deren mehr sind, als Beispiele für die Regel selbst.«  Diese Ausführungen Mark Twains inspirierten Géza  Révay, den Autor des Stücks, der aus Budapest  stammt und seit 1957 in Stuttgart lebt.  Ursprünglich sollte »Warum, warum?« einen anderen  Titel bekommen, nämlich »DAS Mädchen  und SEINE Rübe«. Eine Anspielung auf Twain,  dem schier das Hirn zu den Ohren rauslief, weil  etwas Banalem wie einer Steckrübe im Deutschen  der weibliche Artikel vorausgeht, während etwas  offenkundig weibliches wie ein junges Mädchen  ein neutrales Genus hat.  In Révays komischem Drama legen sich gleich  fünf Ausländer diverser Herkünfte mit dieser verzwickten  Sprache an. Im Kurs begegnen sich  Brünnhilde aus Namibia (Babra Tandale-Gundermann),  der spanische Liedermacher Diego (Tobias  Thiele), die griechische Putzfrau Sophia (Evangelia  Karipoglou), die italienische Managerin Fiorella  (Serena Bellini) und Ken (David Augustin), der  von der afrikanischen Goldküste über Haiti und  die USA in die Bundesrepublik kam. Der Lehrer  ist Russe: Wladimir, gespielt von Alexej Boris, unterrichtet  auf seinem Dachboden.  Dabei kommen allerdings auch durchaus ernste,  kritische Töne zum Tragen. So ist Brünnhilde etwa  im Land, um den Schädel ihres Urgroßvaters  zurückzuholen: Noch heute befinden sich Gebeine  im Preußischen Kulturbesitz, die die Deutschen  zu Beginn des 20. Jahrhunderts nach dem  Abschlachten zehntausender einheimischer Herero  aus der damaligen Kolonie »Deutsch-Südwestafrika  «, dem heutigen Namibia, zur »Rasseforschung  « exportierten. Ein aktuelles Thema:  Derzeit klagen Herero- und Nama-Verbände vor  einem New Yorker Gericht, weil sich die Bundesregierung  den Gesprächen mit ihnen verweigert.  Jede dieser Figuren könnte wohl ein Stück für sich  beanspruchen, doch in »Warum, warum?« müssen  sie nicht nur Deutsch, sondern auch lernen zusammenzuarbeiten.  So will es der Lehrer, der laut  Koerber versucht, »ein Wir in dieser Gruppe zu erzeugen  «, der einen Gegenentwurf zum neoliberalen  Ansatz der Gegenwart zeigen will. Eine zentrale  Rolle spiele die afrikanische Philosophie »Ubuntu«,  was so viel bedeutet wie: »Ich bin, weil wir sind, und  weil wir sind, bin ich.« Es gilt also sich Vokabeln wie  »Gemeinsinn«, »Nächstenliebe« und »Menschlichkeit  « einzuprägen. Dass das je nach Sprache unterschiedlich  lange dauern kann, wusste Mark Twain  im Übrigen auch: »Nach meiner Erfahrung braucht  man zum Erlernen des Englischen 30 Stunden, des  Französischen 30 Tage, des Deutschen 30 Jahre.« 

Cornelius W. M. Oettle

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