Dezember 2022

»...der Einzige, den ich beneide«

Das Neujahrskonzert der Stuttgarter Philharmoniker ist Johann Strauß und Johannes Brahms gewidmet

Einträchtig stehen die beiden Herren nebeneinander. Üppig wuchern das schwarze Haupthaar, stets charakteristisch nach hinten gekämmt, und der walrossartige Schnauzbart bei dem einen, ergraut ist der Rauschebart des anderen, dessen Haupthaar zwar lang, aber doch schon gelichtet ist.Entspannt lehnen sich die Musiker-Kollegen Johann Strauß und Johannes Brahms an das Geländer der Veranda des Strauß’schen Ferienhauses in Bad Ischl, so als seien sie eben vom Essenstisch aufgestanden, um sich mit einem guten Glas Wein in der Hand an der Ruhe und der Natur im Kurort zu erfreuen.

Man staunt immer wieder, wenn man das Foto aus dem Jahr 1894 betrachtet, das die Komponisten während der Sommerfrische in der österreichischen Provinz zeigt. Kann das sein? Der Wiener Walzerkönig, der mit seinen Gassenhauern und populären Erfolgsmelodien ein kleines Vermögen verdiente, und der streng wirkende Norddeutsche, der als Inbegriff der konservativen Bürgerlichkeit gilt und dessen Musik oft ins Melancholische und Gravitätische zielt, sollten befreundet sein?

 

Mit Blick auf das Neujahrskonzert der Stuttgarter Philharmoniker lohnt es sich, dieser ungewöhnlich anmutenden Freundschaft auf den Grund zu gehen. Denn Dan Ettinger, Chefdirigent des städtischen Orchesters, kombiniert die vierte Sinfonie von Johannes Brahms mit einigen Ohrwürmern und unverwüstlichen Repertoire-Hits aus der Feder von Johann Strauß. Mit staunenswerter Leichtigkeit und oftmals in einem rauschhaften Zustand in Hochgeschwindigkeit produzierte er Walzer, Märsche und Polkas, zu denen halb Wien tanzte. „Er ist der Einzige, den ich beneide – er trieft von Musik, ihm fällt immer etwas ein“, meinte Brahms über seinen so ungleichen Kollegen, mit dem ihn eine enge Freundschaft verband.

 

Hört man genau hin, erkennt man unter der funkelnden Strauß-Oberfläche mit ihrem pointierten Rhythmus, der subtilen Verzögerung im Walzer und dem brillanten Rauschen der Schnell-Polkas auch etwas Subversives, ein schwer zu fassendes Löcken wider den Stachel. Vielleicht fühlte sich Brahms, der als schwermütiger Melancholiker rezipiert wird, auch davon angesprochen. Otto Biba, der langjährige Chefarchivar der Gesellschaft der Musikfreunde Wien, ist bei seiner Arbeit diesem Rätsel nachgegangen und hat erforscht, womit Brahms sich in seinem kompositorischen Leben beschäftigt hat. Viel Volksmusikalisches, bis hin zu eher exotisch anmutenden Stücken aus Fernost, findet sich im Brahms-Nachlass, aber auch mit Tanz- und Unterhaltungsmusik sei er seit seiner Kindheit in eher ärmlichen Verhältnissen in Berührung gekommen, meint Otto Biba.

Doch von all dem findet sich wenig in der 4. Sinfonie e-Moll, die mit ihrer strengen Passacaglia-Form im letzten Satz und den zwar kühnen, doch immer formstrengen Variationen weit zurückschaut in die Zeit des Barock. Seltsamerweise ist genau diese Sinfonie für die späteren Musiker der Zweiten Wiener Schule um Arnold Schönberg zu einem Ansatzpunkt für ihre formalen und harmonischen Experimente geworden. Schönberg hatte zugleich ein Faible für Strauß und arrangierte dessen Orchesterwerke für kleines Ensemble und brachte die somit äußerlich reduzierten Stücke in seinem Wiener „Verein für musikalische Privataufführungen“ immer wieder zu Gehör, wohl auch deshalb, weil er in ihnen etwas Neues, Ungewöhnliches wahrnahm.

 

Als ebenso kühnes und ungewöhnliches Experiment könnte man es nun bezeichnen, dass Dan Ettinger mit seinen Stuttgarter Philharmonikern diese Sinfonie am Neujahrstag mit dem „Frühlingsstimmen-Walzer“, der „Annen-Polka“ und der Ouvertüre zur Operette „Die Fledermaus“ kombiniert. Brahms selbst machte aus seiner Begeisterung für den Kollegen und dessen leichtfüßige Musik keinen Hehl: „Es war wirklich rührend, sein kindliches Lachen, das Blitzen seiner Augen zu sehen, wenn er Einem etwas vorspielte, das ihm in der vorigen Nacht „so um halb drei“ bei der dritten Flasche Kutscherwein eingeschossen war. Was er sich selbst zuschrieb, war dann die Arbeit, die Instrumentation, das Ausscheiden des Rohen. Und sein Ehrgeiz war, sich zu vertiefen, zu entwickeln, es den großen, ewigen Meistern, denen er sich im musikalischen Urwesen verwandt wusste, in seinem Genre möglichst gleichzutun.“ Darin also sind die beiden sich sehr ähnlich: Der Ehrgeiz, Großes zu vollbringen, dabei der Tradition und den Meistern der Vergangenheit huldigend, während sie zugleich die künstlerische Türe weit in Richtung Zukunft öffnen.

Noch heute ruhen die beiden in trauter Harmonie nebeneinander: goldglänzend, fast ein bisschen überlebensgroß erscheinend der eine; den Kopf gedankenschwer in die Hand gestützt und der Blick vergeistigt wirkend der andere, so überdauern Strauß und Brahms in ihren benachbarten Gräbern auf dem Wiener Zentralfriedhof die Zeitläufte.

Markus Dippold

 

Stuttgarter Philharmoniker // 1. Januar, 19:00 Uhr / Beethoven-Saal / Karten für Mitglieder: 22-46 Euro, Freier Verkauf: 28-60 Euro, Ermäßigung für SchülerInnen und Studierende

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