April 2018

Das Stück zum Buch

»Der Steppenwolf«, »Amerika«, »Lotte in Weimar« – auch in Stuttgart boomen Romanbearbeitungen

»Sie werden hundertmal gehört haben, dass man  nach Lesung eines guten Romans gewünscht hat,  den Gegenstand auf dem Theater zu sehen«, schreibt  Johann Wolfgang Goethe 1797 an den Freund Friedrich  Schiller. Um dann allerdings fortzufahren:  »Und wie viel schlechte Dramen sind daher entstanden.  « Roman und Theater gehorchen unterschiedlichen  Gesetzen, die man nicht vermischen sollte,  lautet das Resümee, zu dem die beiden Klassiker in  ihrem Meinungsaustausch gelangen. Das Theater  setzt auf unmittelbare sinnliche Gegenwart, der  Roman dagegen erzählt auf distanzierte Weise von  einer vergangenen Welt.  Schaut man heute auf die Programme unserer  Thea ter, so scheinen diese Unterschiede so gut wie  vergessen, denn seit Jahren erleben wir einen Boom  von Bühnenfassungen erfolgreicher Romane.  Wahrscheinlich war Frank Castorf von der Berliner  Volksbühne der Urheber dieses Trends, als er vor  knapp zwanzig Jahren die großen Dostojewski-  Romane aufs Theater brachte. Seither gibt es kein  Halten mehr: Von Thomas Manns »Buddenbrooks«  bis zu Tolstois »Anna Karenina«, von Storms »Schimmelreiter  « bis zu Döblins »Berlin Alexanderplatz«  blieb kein bedeutendes Werk der letzten zweihundert  Jahre von dieser Bearbeitungsmanie verschont.  Man kennt Literaturadaptionen aus der Oper –  Bizets »Carmen« beruht auf einer Novelle von  Prosper Mérimée, Puccinis »La Bohème« auf einem  Roman von Henri Murger – und vom Film, der sich  seit seinen Anfängen im Fundus der Weltliteratur  bedient hat. Das ist nicht zuletzt bequem fürs Publikum:  Wer ins Kino oder Theater geht, muss die  entsprechenden Romane nicht mehr lesen. Auch  den Bühnen bringt diese Praxis Vorteile: Wenn es  nicht genügend zeitgenössische Dramen gibt, man  nicht immer die bekannten Klassiker zeigen will  und Ausgrabungen vergessener Stücke scheut, kann  man sich mit Romanbearbeitungen aushelfen.  Auf den Stuttgarter Bühnen sind in nächster Zeit  gleich drei davon zu sehen. Im Schauspielhaus  haben am 10. März Hermann Hesses »Der Steppenwolf  « in der Bühnenfassung von Joachim Lux  (Inszenierung: Philipp Becker) und am 13. April  Franz Kafkas »Amerika« (Inszenierung: Lilja  Rupprecht) Premiere. Das Alte Schauspielhaus  schließt sich am 27. April mit John von Düffels Bearbeitung  von Thomas Manns »Lotte in Weimar«  an (Inszenierung: Lajos Wenzel).  »Lotte in Weimar«, 1939 veröffentlicht, erzählt  vom Besuch von Goethes gealterter Jugendliebe  Charlotte Buff in Weimar im Jahr 1816. Thema des  Romans ist der unnahbare Dichterfürst Goethe,  der zuerst indirekt durch Personen aus seinem  Hofstaat charakterisiert wird, bis er dann im zentralen  siebten Kapitel in einem langen inneren  Monolog über sein Leben und Werk reflektiert.  Hesses »Steppenwolf«, 1927 erschienen, beschäftigt  sich mit der Midlifecrisis von Harry Haller,  der zwischen der bürgerlichen Welt vor 1914 und  dem wilden Leben voller Sex and Drugs in den  Roaring Twenties eine neue Identität finden muss.  Kafkas Fragment gebliebener Roman »Amerika«  schließlich, entstanden in den Jahren 1911 bis 1914,  verfolgt das Schicksal des 16-jährigen Karl Roßmann,  der in die USA auswandert und dort sozial  immer weiter absteigt, bis sich ihm in der Mitwirkung  an einem Theaterprojekt in Oklahoma doch  noch eine positive Perspektive eröffnet.  Perspektive ist ein wichtiges Stilmittel aller drei  Romane: der Surrealismus von Hesses »Steppenwolf  «; die beängstigende Innensicht, aus der heraus  Karl Roßmann auf Amerika blickt; die »Imagination  « des Lesers, von der Goethe spricht. Die  drei angekündigten Bühnenbearbeitungen werden  zeigen, auf welche Weise sie mit den Mitteln  des Theaters die Eigenart der jeweiligen Romanvorlage  umzusetzen verstehen.   

Rolf Spinnler   

 

 

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