April 2019

Brasilien ist ansteckend

Grupo Corpo aus Brasilien kommt mit zwei Choreografien ins Forum am Schlosspark 

Denken Sie klassisches Ballett, aber mit einem sinnlichen Hüftschwung in der Körpermitte, denken Sie symphonische Musik, aber mit brasilianischer Percussion: Genauso tanzt Grupo Corpo. Die Kompanie aus der Stadt Belo Horizonte kombiniert das moderne Ballettvokabular mit einem zeitgenössischen Idiom, das auf populäre brasilianische Tänze zurückgreift: »Natürlich ist Samba ein Klischee, aber gleichzeitig ein starker, ansteckender Rhythmus, der einfach zur brasilianischen Kultur gehört. Deshalb beeinflusst er auch die Bewegungen, die Rodrigo choreografiert – nicht nur die Samba, sondern auch andere brasilianische Rhythmen, und es gibt so viele von ihnen!«, sagt Direktor Paulo  Pederneiras, der Bruder von Chefchoreograf Rodrigo Pederneiras: »In mehr als vierzig Jahren hat die Kompanie einen ganz eigenen Stil entwickelt, der nun zu ihrer Identität, ihrem Markenzeichen geworden ist.«

Die »Gruppe Körper«, so die wörtliche Übersetzung, ist ein Familienunternehmen, Bruder Paulo stattet auch die meisten Werke aus. Als eine der traditionsreichsten unter den modernen Kompanien des Landes wurde Grupo Corpo bereits 1975 gegründet, damals herrschte noch die Militärdiktatur. Von Anfang an war Brasilien das zentrale Thema der Stücke, ob als Tanztheater, in der puren Bewegung oder in Auftragswerken an einheimische Musiker. D ie H üften kreisen, die flachen Füße stehen bei aller Sprungkraft doch immer wieder fest grundiert auf der Erde, ein ständiger Rhythmus bebt im Inneren der Tänzer. Auf sehr elegante Weise verbindet sich das Fließende des modernen Balletts mit brasilianischem Rhythmusgefühl. Rodrigo  Pederneiras wählt seine dynamischen Tänzer vor allem nach ihrer Musikalität aus: »Das klassische Ballett ist sehr wichtig für uns, denn ein Tänzer mit starker klassischer Basis hat einfach mehr Möglichkeiten! Sie oder er kann sich in vielfältiger Weise bewegen, während ein Tänzer ohne diese Ausbildung an bestimmte Grenzen stößt«, so der Chefchoreograf.

»Dança Sinfônica«, das erste der mitgebrachten Stücke, entstand 2015 zum vierzigsten Geburtstag der Kompanie. Marco Antônio Guimarães komponierte eigens eine Symphonie zum Jubiläum, in deren feierliche Klassik die wilden Trommeln der Gruppe Uakti hineinklingen. Getanzt wird vor einem Mosaik aus vielen tausend privaten Schnappschüssen. »Gira« greift zu einer Musik zwischen Jazz, Folklore und Punk die mystischen Rituale des Candomblé und der Umbanda auf: »Diese afrobrasilianischen Religionen gehören keineswegs der Vergangenheit an, sie sind stark und wachsen weiter, obwohl sie von den anderen Glaubensgemeinschaften mit vielen Vorurteilen betrachtet werden. Deshalb war es uns so wichtig, ein Stück über sie zu machen«, so Rodrigo Pederneiras.

Die brasilianischen Künstler von heute sind stolz auf ihr Land, trotz wirtschaftlicher Krisen, trotz der Korruption, trotz der neuen Regierung, die das Kultusministerium wieder einmal abgeschafft hat. Der Staat gibt wenig Geld, ermöglicht aber großzügiges Sponsortum, erklärt Paulo Pederneiras: »In Brasilien gibt es ein Gesetz, das Firmen im Gegenzug für Steuererleichterungen die direkte Unterstützung kultureller Einrichtungen erlaubt. Dieses Geld macht zwei Drittel unseres Einkommens aus.« Von Ballettstars bis zur zeitgenössischen Performance bringt das Land eine riesige Bandbreite an Tanz hervor – Grupo Corpo zeigt, was den brasilianischen Tanz aktuell bewegt.

 Angela Reinhardt          

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