April 2019

Aus den Tiefen der Viola

Der Bratschist Antoine Tamestit gastiert beim SWR Symphonieorchester in der Liederhalle

Zu seinem fünften Geburtstag wünschte er sich eine Violine, und mit einem Vater als Geigenlehrer und Komponist war das musikalische Umfeld ohnehin gegeben. Als er neun Jahre alt war, faszinierte ihn beim Hören einer Bach-Cellosuite der tiefere Klang dieses Instruments. Antoine Tamestit (Titelfoto) versuchte den Wechsel, doch seine Geigenlehrerin konnte ihn davon überzeugen, dass er seine Vorstellung eines sonoren, kantablen Klangs am besten auf der Viola realisieren könne. So wurde Tamestit nach seinem Viola-Studium am Pariser Konservatorium, an der Yale University und bei Tabea Zimmermann in Berlin zu einem der besten Bratschisten der internationalen Musikszene. In dieser Saison ist er »Artist in Residence« beim SWR Symphonieorchester und spielt im Konzert der Kulturgemeinschaft am 29. März Béla Bartóks Konzert für Viola und Orchester.

Antoine Tamestit ist als Solist und Kammermusiker auch ein gefragter Interpret für das Bratschen-Repertoire der klassischen Moderne, zudem hat er die Originalliteratur für sein Instrument durch Uraufführungen zum Beispiel von Olga Neuwirth, Bruno Mantovani und Jörg Widmann erweitert. Immer geht es ihm dabei um die Farbigkeit und Vielfalt der Klänge, Virtuosität und Ausdruck verschmelzen bei ihm in einer idealen Symbiose. Als Tamestit zu Beginn der Saison mit Teodor Currentzis und dem SWR Symphonieorchester in der Stuttgarter Liederhalle Alfred Schnittkes Bratschenkonzert aufführte, schien er am Schluss dieses bekenntnishaften Werks selbst stark emotional bewegt: »Als Solist kann ich mich nicht einfach von meinen Gefühlen überwältigen lassen. Ich muss sie so weit zulassen, dass sie stark genug sind, damit ich den richtigen Ausdruck finde. Natürlich habe ich starke Gefühle und weiß Dinge über das Stück, die ich teilen will. Aber ich möchte das Publikum in das Stück ziehen, ich möchte, dass es zu dem Stück kommt, ohne dass ich es stoße oder drängle. «

Das Konzert für Viola und Orchester von Béla Bartók entstand in seinem Todesjahr 1945 in New York auf Wunsch des schottischen Bratschisten William Primrose und wurde 1950 uraufgeführt. »Ich bin sehr froh Ihnen mitteilen zu können, dass Ihr Viola-Konzert im Entwurf fertig ist, sodass ich nur noch die Partitur schreiben muss«, teilt der Komponist im September 1945 Primrose mit. Doch zwei Wochen später ist Bartók schwer krank, und sein Freund und Schüler Tibor Serly vollendet die Orchestrierung erst nach seinem Tod.

Für Antoine Tamestit gehört das Werk zu den wichtigsten Violakonzerten überhaupt, er hat es unter anderem mit Riccardo Muti und den Wiener Philharmonikern beim Lucerne Festival und mehrfach mit dem London Symphony Orchestra unter François-Xavier Roth aufgeführt. Von einem dieser Konzerte in der ergänzten Fassung von Peter Bartók und Paul Neubauer existiert ein Mitschnitt auf Youtube im Internet. Wunderbar, wie er da im Allegro die Spannung zwischen elegischer Kantilene und rhythmischer Attacke auslotet, wie er sich in die Ausdruckstiefen des Adagio religioso versenkt und wie musikantisch virtuos er im Finale Bartóks Folklore-Reminiszenzen ausspielt.

Seit 2008 s pielt Antoine Tamestit auf einer Stradivari von 1672 – die älteste noch existierende Viola des Cremoneser Geigenbaumeisters. »Sie kommt der menschlichen Stimme sehr nahe. Sie erinnert mich an einen verführerischen Mezzosopran, ihre Klangfarbe ist süß wie Honig und dennoch sehr brillant«, sagt Tamestit über sein kostbares Instrument.

Dirigent im Konzert der Kulturgemeinschaft ist Hartmut Haenchen, der in der Woche zuvor seinen 76. Geburtstag feiert. Der in der DDR von der Kulturbürokratie schikanierte Dirigent und langjährige Künstlerische Leiter des Kammerorchesters Carl Philipp Emanuel Bach war 1986 bis 1999 nach seiner Ausreise Generalmusikdirektor der Amsterdamer Oper und ist bis in die Gegenwart gefragter Gast b ei den großen internationalen Opernhäusern und Festspielen, wo er zum Beispiel 2016/2017 in Bayreuth den »Parsifal« dirigierte. Im sinfonischen Repertoire gilt Haenchen als ausgezeichneter Kenner von Bruckner, Mahler und Schostakowitsch. Nach Joseph Haydns 95. Sinfonie c-Moll und dem Viola-Konzert von Bartók interpretiert er mit dem SWR Symphonieorchester die 1939 in Leningrad uraufgeführte 6. Sinfonie h-Moll von Dmitri Schostakowitsch – ein Werk mit allen Widersprüchen, die der Musik dieses Komponisten immanent sind: einem klagenden, düsteren Largo-Kopfsatz, der an Länge und Intensität das bizarre Scherzo und die grelle Ironie des Presto-Finales bei weitem übertrifft.

Dietholf Zerweck

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