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Kaum Kunst ohne Konzepte
Art Alarm: Ein Rundgang durch Stuttgarter Galerien
Die meisten Galerien in Stuttgart befinden sich im Bereich der inneren Stadtbezirke. Nur zwei liegen etwas abseits: Die eine, AbtArt in Möhringen, besteht erst seit 2005 und macht seit zwei Jahren durch einen spektakulären Neubau auf sich aufmerksam. Die andere, Galerie Brigitte March, gibt es schon seit 35 Jahren. Eher unauffällig an der Solitudeallee in Weilimdorf gelegen, steht sie für große Namen der internationalen Avantgarde.
»Warning: Perception requires involvement« ist in der roten, quadratischen Fensterscheibe zu lesen: Wahrnehmung erfordert Engagement oder auch Mitwirkung. Die Aussage des katalanischen Künstlers Muntadas ist in die Galerie und ihr Programm sozusagen fest eingebaut: ein Wahlspruch für Brigitte March, die seit gut dreißig Jahren die internationale Konzeptkunst vertritt. Zum Beispiel Les Levines rote Plakatwand: »Consume or perish« steht darauf - »kauf ein oder geh unter« -, daneben sieht man den David von Michelangelo.
Die Beuys-Schülerin Ulrike Rosenbach plakatiert dagegen den Herkules Farnese: In dieser Documenta-Arbeit von 1977 steht der Muskelprotz weniger für Kunst an sich als vielmehr für Männerbilder. Unter seinem Arm klemmt ein Bildschirm, auf dem die Künstlerin immer wieder das Wort »Frau« artikuliert. Gleich gegenüber präsentiert sich Timm Ulrichs als erstes lebendes Kunstwerk - ein Fotodruck auf Leinwand seiner 1965 erfolgten Selbst-Ausstellung. In einer Reihe von Posters in Leuchtfarben stellt Allen Ruppersberg Fragen wie: »Why do we fail?« oder »What should I do?« oder stellt schlicht fest: »It's not art.« Lawrence Weiner antwortet zweisprachig mit paradoxen Gebrauchsanweisungen wie »Emptied until full - geleert bis voll«.
Im vorderen Raum hängen zwei Rollen mit Testbild-Streifen von General Idea. Doch Konzeptkunst gibt es nicht allein in den USA, und in Leipzig nicht ausschließlich Maler: Daniel Schörnig hat ein weißes Quadrat auf die weiße Wand gemalt, auf dem sich je nach Sonnenstand die rote Scheibe von Muntadas abzeichnet. Ugo Dossi ließ seine Studenten für eine weitere Documenta-Arbeit, ebenfalls aus dem Jahr 1977, Begriffe assoziieren. Eine Wand ist gefüllt mit DIN-A4-Blättern, die alle möglichen Querverbindungen zulassen. »Austria« und »Ostern« steht dort unterein-ander geschrieben oder »Sehen / See / Seele / + Leib«. Wer die blaue Mappe »Twin Rooms« des 1922 geborenen und vor einigen Jahren verstorbenen Japaners Yutaka Matsuzawa aufschlägt, liest dort unter der Überschrift »Swan Song Room« die Aufforderung: »Enter this room, compose your farewell song and calmly meet your end.«
Klaus Gerrit Friese hat vor zwei Jahren schon einmal eine Copley-Ausstellung gemacht. Doch siebzig Prozent der Arbeiten sind gegenüber der letzten Ausstellung neu. Die bunten, lebensfrohen Gemälde des Amerikaners, der 1919 in New York auf die Welt kam, einige entscheidende Jahre in Paris verbrachte und 1996 in Florida verstarb, bedürfen keiner langen Erklärungen. Doch die Freiheit, mit der er Flächen ornamental füllt, Perspektiven wechselt und hin und wieder einen Strumpfbandhalter oder eine Nagelschere auf den Bildgrund montiert, überrascht immer wieder. Es geht um Geschlechterverhältnisse: Der Mann, wie immer im Anzug, mit Melone und ohne Gesicht wie bei René Magritte (den William N. Copley als Galerist ausstellte, bevor er selbst zu malen begann), ist angezählt. Die Frau, mit Boxhandschuhen und nackt, triumphiert. »Now?«, fragt der Mann in einer Sprechblase. »No«, antwortet die Frau. Drastischer lässt sich das kaum auf den Punkt bringen.
Aus ganz anderer Perspektive beschäftigt sich die junge, in London lebende Künstlerin Selene States mit Geschlechterrollen. Ein angeschnittener Rumpfabschnitt eines Düsenflugzeugs bildet den Blickfang an der Rückseite des Raums. Auf den Monitoren der sechs Passagiersitze läuft Werbung der 1950er-Jahre für den Kühlschrank »Frigidaire«, welcher der ersten großen Einzelausstellung der Amerikanerin in der Galerie 14-1 den Titel gibt. Tatsächlich steht eines dieser Monstren gleich vorne im Raum und als Anagramm hängt an der Wand der Neon-Schriftzug »a rigid Fire«. Im Zentrum aber steht ein Film über eine polnische, allein lebende Stewardess, die einen Anruf von ihrer Mutter erhält, raucht, duscht, sich schminkt, Männerbesuch erhält und immer wieder gedankenversunken in ihren Kühlschrank starrt. Sie entspricht perfekt einem Rollenmodell, das sie als Stewardess ebenso verkörpert wie die Werbung für den ersten amerikanischen Kühlschrank, die in mehreren Varianten als Filmplakat dient. Bis auf das schnurlose Telefon, auf dem ihre Mutter anruft, könnte alles aus den 1950er-Jahren stammen. Und so wie der nervöse Akt des Schminkens die Person hinter einer Maske verschwinden lässt, wird der Kühlschrank, in dem sie am Ende verschwindet, zum Symbol der emotionalen Kälte, die sie beim Versuch, ihrer Rolle zu entsprechen, ergreift.
Was die Galerie AbtArt auch von anderen Galerien unterscheidet, ist, dass sie für ihre Ausstellungen renommierte Kuratoren verpflichtet. Im aktuellen Fall ist dies Christoph Tannert, der Leiter des Künstlerhauses Bethanien in Berlin, wo die Ausstellung im Anschluss zu sehen sein wird: Tannert hatte die Idee, Karin Abt-Straubinger hat sie realisiert, also gebührt ihr der Vortritt. Es liegt Musik in der Luft, weder aufdringlich noch laut, aber auch nicht als bloßes Hintergrundgeräusch. Das liegt am Thema: einer Hommage an die Rockgruppe Can. Gleich am Eingang lehnt ein großer Ehrenkranz an einem Sockel - eine Anspielung auf Olaf Metzels Installation »Stammheim« am Stuttgarter Kunstgebäude. In der Vitrine steht ein geöffnetes Schallplattencover: angeblich die erste Aufnahme der Band, die auf dem Weg in die DDR verloren gegangen sei. »This is not a spoon«, steht vor einem Löffel: ein Verweis auf René Magritte ebenso wie auf den bekanntesten Titel der Band.
Die Arbeit des Künstlerduos mit dem treffenden Namen »identity shop« illustriert, welches Hintergrundwissen nicht nur im Bereich der Gegenwartskunst, sondern auch der Can-Biografie der Betrachter mitbringen sollte, um alle Anspielungen zu verstehen. Er sollte zum Beispiel wissen, dass »Ege Bamyasi«, die türkische Bezeichnung für Okraschoten, der Titel eines der bekanntesten Can-Alben war und dass es Songs gab, die »Mushroom« oder »Paperhouse« hießen. Oder, wenn Alexander Braun eine Stockhausen-Partitur verwendet, dass die Bandmitglieder Holger Czukay und Irmin Schmidt einst bei dem Großmeister der Neuen Musik studierten.
Unter den fünfzig Künstlern sind neben dem Maler-Star Norbert Bisky einige weitere bekannte Namen vertreten, die sich oft selbst musikalisch betätigen, wie etwa Albert Oehlen, Chris Newman oder - als Label-Chef - Carsten Nicolai. Oder auch Musiker wie Dieter Meier, der Frontman der Schweizer Elektropop-Gruppe Yello, bis hin zum ersten Can-Sänger Malcolm Mooney. Es gibt schlichte Porträts zu bewundern ebenso wie mehrere Gitarren-Objekte, darunter eine sich geräuschvoll am Ausstellungssockel reibende Bassgitarre von Pia Lewandowsky, die genüsslich ein »Gitarrengewichse« vorführt. An der Wand hängen mehrere von Moritz Götze gestaltete Picture-Discs.
Gleich zwei Werke verarbeiten das für das musikalische Vorgehen der Band enorm wichtige Material Tonband. Robert Lippok hat eine Strickmaschine mit einem Can-Song programmiert. Tannert, der selbst aus Leipzig stammt, präsentiert Can als gesamt-, wenn nicht ostdeutsches oder globales Phänomen: Ein modifiziertes DDR-Wappen der Australier Danius Kesminas und Greg Richards ersetzt Hammer und Zirkel durch einen Dosenöffner (Can!) und die berühmte, von Andy Warhol für Velvet Underground entworfene Banane. Bei Ulrich Vogt ist alles im Gleichgewicht: Von einem Spot-Licht (!) beleuchtet, schwebt ein Mobile aus Aluminium-Folie zur fein ausbalancierten Musik von Can schwerelos im Raum. Dietrich Heißenbüttel
Brigitte March: bis 15. November; Klaus Gerrit Friese: bis 26. November; Galerie 14-1: bis 12. November; AbtArt: bis 5. November, Katalog mit Audio-CD 26 Euro